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Volkskunst : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1995 in Wien
Entstehung
Seite
67
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Elisabeth Katschnig- Fasch, Graz

Eine Geschmacksfrage?

In der Beschäftigung mit der alltagskulturellen ästhetischen Produktionder Konsumgesellschaft der Gegenwart sieht man sich unweigerlich miteiner Kategorie konfrontiert, die im klassischen Kontext einer in Tradi-tion, Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum und sozialpsychische Formationen eingebundenen, erb-und geschichtsfolgenden ,, Volkskunst" auszuschließen ist. Es ist dies dieFrage nach dem Geschmack- jenem Kriterium eines prinzipiellen undgerade in der Massenproduktion wirksamen Gestaltungs- und Bewer-tungswillens. An sozialer Orientierungskraft in den siebziger und acht-ziger Jahren entschärft, scheint der Begriff nunmehr in chamäleon-artiger Verwandlung- unter der wiederaufflammenden Ästhetisierungs-sucht einen neuen Zuschreibungsinhalt zu generieren.

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Zumindest bis in die siebziger Jahre gebärdete sich die Frage nachdem Geschmack als verbindlicher Prüfstein. Scheinbar harmlos, aber alsmachtvolle Attitude wirkte er vor und hinter den kulturellen Produktenund verlieh den Dingen und ihren Benutzern sozialen Wert. EineZuschreibungskategorie des über die simple Gebrauchsfunktion hinaus-reichenden gesamten Bereiches der Dingaustattung und-gestaltung: wieein gutes Gefühl, das zeitlose Natürlichkeit beansprucht und mit ebendiesem normativen Anspruch als kultur- und vor allem als sozialstiftende,, Geheimwaffe eingesetzt wurde. Geschmack zu haben hieß, jenes Maßdes symbolischer Kapitalbesitzes zu erfüllen, das die größte sozialeDistanz herzustellen imstande ist, wie dies Bourdieu noch zu Beginn der80er Jahre in Die feinen Unterschiede' diagnostiziert.

Das Menschenbild, das Geschmack als beinahe genetische Qualitäteines 6. Sinnes beansprucht, entstammt einem frühen bürgerlichen Ideal,

1 Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurta.M. ³1984( Originalausgabe: La distinction. Critique sociale du jugement. Paris 1979).