Martin Heller, Zürich
Werbung als Volkskunst
Ein Beitrag zur Fragwürdigkeit des Begriffs und der Sache*
Es gibt einen historischen Grund für die freundliche Einladung, hier zusprechen. 1987 realisierten Walter Keller und ich am Zürcher Museumfür Gestaltung, das ich heute leite, eine Ausstellung mit dem sehnsuchts-gesättigten Titel„ Herzblut“. Dieses Projekt führte verschiedene Inter-essen im Zeichen jener Thematik zusammen, die auch Ihre Tagungbeschäftigt. Wobei sich„ Herzblut" damals um den Kanon dieserThematik insofern verdient gemacht hatte, als wir in demonstrativerAblösung etwa gerade des tradierten Volkskunst- Begriffs ein bestimmtesVerständnis populärer Gestaltung postulierten, das unterschiedlichsteFormen, Techniken und Intentionen ästhetischen Ausdrucks einschloß.
Dabei entwickelten wir unsere Vorstellungen anhand einer typolo-gisch konstruierten Reihe monografischer Präsentationen von soge-nannter Volkskunst oder populärem Gestalten[ Abb. 1]. Diese Einzel-beispiele hatten wir aus einer Vielzahl von Bewerbungen für die Aus-stellung ausgesucht, die auf einen öffentlichen Aufruf des Museums inzahlreichen Printmedien hin eingegangen waren. Weiter ins Detailmöchte ich hier nicht gehen; alle, die sich nachträglich dafür inter-essieren sollten, verweise ich auf den noch immer greifbaren Katalog.¹Letztlich war ,, Herzblut“ ein Amalgam ästhetischer Mikrokosmen undsozialer Kleinst- Utopien. In einem längeren Katalogbeitrag hat damalsder Zürcher Volkskundler Arnold Niederer versucht, dieses Amalgam im
* Öffentlicher Abendvortrag im Rahmen der Österreichischen Volkskundetagung 1995. Diemündliche Form wurde weitgehend beibehalten; der Bildteil mußte auf einige wenige Beispielereduziert werden.
1 Martin Heller/ Walter Keller( Hg.): Herzblut. Populäre Gestaltung aus der Schweiz. Ausst.kat.Museum für Gestaltung, Zürich 1987.