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Volkskunst : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1995 in Wien
Entstehung
Seite
55
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Nina Gorgus, Hamburg

Die deutsche Volkskunde und die Volkskunst

Der Prager Kongreß 1928 und die CIAP

Wer sich mit Volkskunst im frühen 20. Jahrhundert beschäftigt, stößtunweigerlich auf den berühmten Volkskunstkongreß 1928 in Prag❝1.Wer nun mehr über den Kongreß erfahren möchte, hat Pech: Zwarerscheint der Kongreß auch in der deutschsprachigen Fachliteratur alslegendärer Meilenstein, alles weitere jedoch bleibt im Dunkeln. Allge-mein bekannt ist immerhin, und das wird dann und wann aufgegriffen,daß der erste Volkskunstkongreß eine Veranstaltung des Völkerbundeswar, die der Professor für Kunstgeschichte an der Sorbonne, HenriFocillon, angeregt hatte. Im Anschluß daran war die internationaleVolkskunstkommission CIAP gegründet worden, außerdem erschiendazu ein Tagungsband in französischer Sprache. Wolfgang Brücknerhat unlängst daran erinnert und den Prager Kongreß neu in die Fach-diskussion eingeführt."

Weshalb wird der Volkskunstkongreß heutzutage als berühmtbezeichnet, wenn er in der deutschsprachigen Fachliteratur immer nuram Rande auftaucht? Wird seine Bedeutung möglicherweise über-schätzt? Oder setzte mit dem Kongreß nicht vielleicht doch eine inter-national anspruchsvolle Volkskunstforschung ein, die später wieder inVergessenheit geriet?

1 Gottfried Korff: Volkskunst als ideologisches Konstrukt? In: Jahrbuch für Volkskunde 1992,S. 23-49, s.S. 34.

2 Henri Focillon( Hg.): Art populaire. Travaux Artistique et Scientifiques du 1er Congres Inter-national des Arts Populaires Prague 1928. Paris 1931. 2 Bde.

3 Insbesondere hat Wolfgang Brückner auf die Beteiligung der Deutschen in Prag hingewiesen.Ders. Der Reichskunstwart und die Volkskunde von 1923 bis 1933. In: Bayerisches Jahrbuchfür Volkskunde 1993, S. 93-118, s. S. 95f; vgl. auch Marion Brandstetter- Köran: Volkskunstund Realienforschung in Frankreich(= Veröffentlichungen zur Volkskunde und Kulturgeschichte30). Würzburg 1988, s.S. 35ff.