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Volkskunst : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1995 in Wien
Entstehung
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365
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Ulrike Langbein, Berlin

Das Poesiealbum

Eine ästhetische Praxis und mehr¹

Hand aufs Herz! Wer denkt nicht, wenn er ans Poesiealbum denkt,belächelnd oder gerührt an Rosen, Tulpen und Vergißmeinnicht, an süß-liche Engel und sich ausschüttende Füllhörner, an profanierte Goethesund die ewige Wiederkehr des Gleichen. Dieser alltäglichen Blickrich-tung gehorcht auf theoretischer Ebene die analytische Kategorie,, Kitsch. Gemeint ist die Fratze der wahren, weil einzigartigen Kunst.Viele Darstellungen zum Poesiealbum arbeiten mit dieser Kategorie, dieauf der phänomenologischen Ebene klischeehafte Simplifizierung, Ver-massung und formale Redundanz bezeichnet. Allerdings greift man inden Theorien weit über das Sichtbare hinaus. Denn immer geht es mittiefenpsychologischem Deutungsanspruch um diejenigen, die den Kitschmögen und fabrizieren, und das sind diejenigen, die in einer Welt derneuen Unübersichtlichkeit orientierungslos sind. Weil sie, die unaufge-klärten Anderen, die Massen, die Kinder, ihr zerrissenes Sein nicht imGriff haben, brauchen sie den Kitsch als schönen Schein: Das vertrauteIdyll der Familie, der ewige, rosarote Erinnerungsfaden romantischerFreundschaftsbekundungen, allesamt im Poesiealbum vereint, sind See-

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In der folgenden Darstellung beziehe ich mich ausschnitthaft auf meine Magisterarbeit im FachEuropäische Ethnologie zum Thema, Das Poesiealbum", die ich im Januar 1995 vorgelegt habe.2 Vgl. in diesem Zusammenhang: Klaus F. Geiger: Poesiealben- Ästhetische Erziehung durchein Kindermedium? In: Jürgen Landwehr, Matthias Mitzschke( Hg.): Ästhetik und Didaktik.Beiträge zum Verhältnis von Literaturwissenschaft und Kulturpädagogik. Düsseldorf 1980, S.162-179; Ders.: Das Poesiealbum. Ein Kindermedium im Wandel. In: Klaus Doderer( Hg.):Ästhetik der Kinderliteratur. Plädoyers für ein poetisches Bewußtsein. Weinheim/ Basel 1981, S.130-146; Ders.: Das Poesiealbum. In: Dietrich Grünewald, Winfried Kaminski( Hg.): Kinder-und Jugendmedien. Ein Handbuch für die Praxis. Sonderdruck. Weinheim, Basel 1984, S. 115-