Vorwort
Ein Wiener Tätowierer, einer der angesehensten seiner Zunft, äußertesich im Rahmen eines Besuches von Volkskundlern programmatisch:Tattoos mit kleinen Drachen, Totenköpfen und Blumen, wie sie jetztmodern seien, pflege er„ Trachten“ zu nennen, denn sie seien„ nichtsanderes als in Ideologie erstarrte Konvention". Wären die kleine Bege-benheit und der dezidierte, vor einigen Teilnehmern der Österreichi-schen Volkskundetagung 1995 zum Besten gegebene Sager nicht wahr,könnten sie für dieses Vorwort erfunden sein. Denn der Satz von denTrachten- Tattoos zielt auf eine Kernfrage dieses Bandes und derVolkskunst- Tagung, die er dokumentieren soll.
Freilich, das naive Erstaunen über die gar nicht naiven Formulie-rungen des Feldes' sollten bereits seit Hans Moser und den Anfängender ,, Folklorismus- Debatte" der Wissenschaftsgeschichte angehören.Dem ist jedoch nicht so; die Verlängerung des Blickes hier: von deralten Volkskunst weg zu den kreativen Äußerungen popularer Art- hatder Volkskunde als dem Fach, das sich für solches zuständig sieht, auchneue Unsicherheiten eingetragen.
-
Wie ist das mit der Volkskunst? Hat es sie gegeben? Gibt es sienoch? Solche und ähnliche Fragen werden sich vorab manche der Teil-nehmerinnen und Teilnehmer der Österreichischen Volkskundetagung1995 gestellt haben. Die Zusammenkunft von über hundertzwanzig Wis-senschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Deutschland, Österreich, derSchweiz, Ungarn und den Vereinigten Staaten- davon 24 mit Vorträgenkonnte darauf keine einhellige oder gar verbindliche Antwort geben.Doch um eine verbindliche, Endgültiges suggerierende Klärung vonBegriff und Sache„ Volkskunst" sollte es auch auf der in diesem Banddokumentierten Tagung nicht gehen. Die Intentionen ihrer Veranstalterzielten auf weniger Spektakuläres zugleich freilich auch auf Grund-sätzlicheres.