Ronald Lutz, Erfurt
Das Chaos, die Kunst und das Volk!
Zur Einstimmung
Friedrich Schlegel wußte es:„ Nur diejenige Verworrenheit ist einChaos, aus der eine Welt entstehen kann“; der„ Anfang aller Poesie" seies ,,, den Gang und die Gesetze der vernünftig denkenden Vernunft auf-zuheben und wieder in die schöne Verwirrung der Phantasie, in dasursprüngliche Chaos der menschlichen Natur zu versetzen"( Schlegel1980, 164). Nietzsche ließ Zarathustra eine konkrete Utopie daraus for-men: ,,(...) man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Sterngebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch"( Nietzsche 1966, 284). Heidegger philosophierte in seinen Nietzsche-Vorlesungen: Rausch ist Befreiung vom Diktat der Gegensätze, einemOktroi der Vernunft, es ist nicht Bewußtlosigkeit, nicht Taumel alsharmloser Exzeẞ; Chaos ist nicht bloße Rebellion gegen Ordnung undForm, es ist als ursprüngliche Gewalt zu begreifen, ein sich öffnenderAbgrund, ein Schrecken, dem die formgebende Kraft des Ich begegnet,ohne ihn bannen zu wollen( Heidegger 1961).
Was hat das mit der Gegenwart zu tun? Insbesondere in der Kunst, sodie aktuelle Debatte, werde mitten in der entzauberten Moderne dieTradition mythischer Bilder fortgesetzt( Grimminger 1990), in denen dasDenken wurzele und die chaotisch begännen( Woldeck 1989). Leiden-schaft, Kreativität und Ästhetik entfalteten sich aus dem Chaos, seienEmergenzen des Lebens, die sich zu Kunst verdichteten.
Chaos als der Grund des Wirklichen,„ der in aller scheinbaren Ord-nung bestimmend bleibt"( Hackenesch 1989, 103), wird zudem als Kraftdiskutiert, angesichts derer sich die Ordnungsphantasie der Vernunft alsscheinhaft erweist. Klassische Wissenschaften sind so„ eine durch deren