Gottfried Korff, Tübingen
Einstein, Prinzhorn, Geist
Nichtvolkskundliche Ansätze
zu einer Volkskunst- Theorie der Zwischenkriegszeit
1. Diskursrahmen
Als der Begriff Volkskunst im letzten Jahrzehnt vor der Jahrhundertwendezum ersten Mal auftaucht, verweist er zwar auf ein wissenschaftlich-analytisches Bezugssystem- auf Riegls Hausfleiß- Theorie-, seine eigent-liche Geltung verschafft er sich aber im ästhetischen und kunsttheoretischenDiskurs, der um die aufbrechende Moderne, um die in Entfaltung begriffenen,, nützlichen Künste“ und um die Suche nach dem„ neuen"(= anti- histori-stischen) Stil geführt wird. Auch in Riegls Hausfleiß- Essay von 1894, in demder Begriff nicht nur zum ersten Mal an die Öffentlichkeit tritt, sonderntitelgebend ist, zeigt sich diese Tendenz unverkennbar. In dem, was er Volks-kunst nennt, sieht Riegl einen„ goldenen, bisher ungehobenen Schatz vonungeheurem Werte“, an dem er vor allem die ,, anspruchslose Einfachheit undNaivität der Erfindung, fern aller Verkünstelungen und Verformungen" lobtund den er deshalb dem aktuellen Kunstschaffen als Orientierungsvorgabeempfiehlt.²
Die enge Verflechtung des Volkskunst- Diskurses in die Kunstgewerbe-Debatte und in die avantgardistischen Selbstthematisierungen kurz nach derJahrhundertwende ist mittlerweile gründlich und mit überzeugendem Beleg-material dargestellt worden. Bernward Deneke hat in zahlreichen Aufsätzendie Querverbindungen von Volkskunst- und Kunstgewerbebewegung intensiv
' Vgl. dazu ,, Die nützlichen Künste. Gestaltende Technik und Bildende Kunst seit der IndustriellenRevolution", hg. von Tilmann Buddensieg und Henning Rogge. Berlin 1981.
2 Alois Riegl: Volkskunst, Hausfleiß und Hausindustrie( Berlin 1894)(= KunstwissenschaftlicheStudientexte, VI). Mittenwald 1978, S. 4.