Editha Hörandner, Graz
Wa( h) re Volkskunst
Jede Zeit hat die Volkskunst, die sie verdient, die sie braucht und die siesich selbst schafft. Das gilt für Namen und Sache zugleich.
Als Axel Olrik zur Bestürzung und Erzürnung seines Lehrers Grøn-bech auf die Zeitgebundenheit von Begriffsinhalten hinwies( ,, Friede" inbiblischer Zeit sei etwas anderes als der„, Friede“ der Germanen), gerietein anscheinend bis dahin stabiles System von konstanten Größen insWanken. Aber das ist lange her. Länger noch als die nun auch schonüberwundene Konzeption der auch für die Volkskunst wichtigenlinearen ewigen Kontinuität.
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Wie Tracht, Volksmusik und andere sogenannte„ Kanonbereiche“ istauch Volkskunst ein Begriff der Retrospektive und Reflexion. Die Her-steller bezeichnen ihre Erzeugnisse als Ware(„, Viechtauer Wår"), dieAbnehmer konkretisieren die Produkte in der Bezeichnung( ein,, Wachsstöckel" oder„ Wachsstürzel" war ein solches und nicht ein,, religiöses Volkskunstobjekt"). Nicht einmal aus der Zeitdistanz derEntfernung von dieser Alltagswelt rekurriert man auf den Volkskunst-Begriff. Das„ Wachsstöckel"( um bei diesem Beispiel zu bleiben) derGroß- oder Urgroßmutter ist hier nicht Volkskunst, sondern- vom per-sönlichen Bezug her- ,, Andenken“, allgemein ein„ Altertum“( Zeuge derVergangenheit, Realie aus einer früheren Welt).„ Altertum“ ist einwahrscheinlich durch den schulischen Heimatkunde- Unterricht vermit-telter- Begriff aus der Fachsprache der Relikte- Suche( r); denn eigentlichist das ausrangierte Ding, das seines eventuellen Gefühlswerts alsMemorialobjekt entkleidet- nicht mehr gebraucht wird und das keinermehr so richtig will, das im„ Glaskastl"( der Schauvitrine) allmählichverstaubt oder im Wäschekasten zunehmend im Weg ist, Plunder, wert-und nutzlos gewordenes Zeug, ein„ Glumpert“, das bestenfalls auf demDachboden landet( sofern es nicht weggeworfen wird).
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