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Warum ein Glossar?



Dieses Glossar ist ein Arbeitsinstrument, das sich mit der Zeit weiterentwickeln wird. Es soll zentrale Begriffe behandeln, die für die Geschichte des Faches Volkskunde prägend und für die Bestände des Volkskundemuseum Wien bestimmend sind. Das Glossar kontextualisiert heute als problematisch erkannte und großteils abwertende Begriffe, die wir bewusst nicht mehr verwenden, und ordnet sie in deren Entstehungs- und Gebrauchsgeschichte ein.
Außerdem sind viele Begriffe der historischen Volkskunde und ihres gesellschaftlichen Umfelds, zum Beispiel Volk, Heimat, Brauch, Tracht, nicht neutral. Auf Grund ihrer affektiven und emotionalisierenden Qualitäten sind sie vielfältig ideologisch aufgeladen und genutzt.


Durch das Sammeln wurden auch im Volkskundemuseum Wien Kategorisierungen und (Zu-)Ordnungen vorgenommen, die bis heute Abgrenzungen schaffen und Identitäten formen. Die Bestände (Sammlungen, Bibliothek, Archiv) spiegeln Hierarchien und Bewertungen, die sich im Laufe der Jahrzehnte veränderten und immer noch verändern, wider. Durch die Bestände können also Perspektiven, eingeschriebene Gesellschaftsbilder sowie Machtverhältnisse nachvollzogen werden – wie zum Beispiel die Positionierung und der Blick der groß- und hauptstädtischen Akteur:innen des Volkskundemuseum in Wien auf unterschiedliche rurale Gebiete, Personen(gruppen) und Phänomene. Diese wurden mit Zuschreibungen wie „ursprünglich“, „echt“ oder auch „natürlich“ bzw. „primitiv“ versehen und als besonders sammelns- und bewahrenswert eingestuft. Dabei agierten die Vertreter:innen der Volkskunde auch im Rahmen zeitspezifischer Diskussionen und Strömungen, die aus heutiger Sicht als diskriminierend und herabwürdigend erkannt werden.

Das Glossar will diese Zusammenhänge sichtbar machen, denn Begriffe sind nie nur Werkzeuge der Beschreibung – sie beeinflussen Denken und Handeln. Sie schaffen Realitäten, indem sie bestimmte Vorstellungen als selbstverständlich erscheinen lassen, während andere ausgeblendet werden. Begriffe erklären sich aus dem Kontext ihrer Entstehungs- und Wirkungszeit heraus. Das gilt auch für die Volkskunde, die sich lange als „Kategorisierungsagentur“ des Eigenen und des Fremden verstanden hat, als solche auch gesellschaftlich und politisch nachgefragt war und damit bleibenden Einfluss genommen hat.

Das Team des Volkskundemuseum Wien ist sich der Problematiken seiner Sammlungen und Bestände bewusst und arbeitet konstant an der Erforschung, Darstellung und Kontextualisierung ebendieser. Auch in der Online Sammlung Plus geben wir im Rahmen unserer Möglichkeiten Hintergrundinformationen zu dem hier Gezeigten.

In der Museumsarbeit müssen pragmatische Entscheidungen getroffen werden, etwa die Verwendung von Kategorien zum Zweck der Erschließung und Auffindbarkeit der Bestände. Dabei sind wir so divers und inklusiv wie möglich – beispielsweise vermeiden wir die Begriffe „Mann“ und „Frau“ als Schlagwörter und verwenden stattdessen „Person, weiblich gelesen“ oder „Person, männlich gelesen“. Dies tun wir aus Respekt vor Menschen, die sich nicht in das binäre Geschlechtersystem einordnen bzw. von diesem nicht erfasst werden. In den Objektbezeichnungen und -beschreibungen werden aus historischen und pragmatischen Gründen dennoch die Begriffe „Mann“ und „Frau“ verwendet, wenn abgebildete Personen äußere Geschlechtsmerkmale aufweisen oder entsprechend den gültigen Geschlechterstereotypen bzw. gesellschaftlichen Vorgaben gekleidet sind.

So wie wir stets daran arbeiten, die Auswahl der Schlagwörter zu verfeinern, vervollständigen wir mit der Zeit dieses Glossar.

  • „Eskimo“

    Der Begriff ist eine Fremdbezeichnung für verschiedene indigene Gesellschaften in den (sub-)arktischen Regionen. Er entstand im Kontext des europäischen Kolonialismus, wurde rassistisch geprägt und weltweit verbreitet.

    Ursprünglich nutzten die Cree, ein indigenes Volk Nordamerikas, diesen Begriff, um andere Gesellschaften im (sub-)arktischen Raum – etwa in Alaska, Grönland, Kanada oder Sibirien – zu benennen. Für die Cree diente er der Abgrenzung von nicht verwandten Gruppen. Die genaue Bedeutung des Wortes ist unklar; mögliche Deutungen sind „Schneeschuhknüpfer:innen“ oder „Menschen mit einer anderen Sprache“. Eine Fehlübersetzung als „Rohfleischesser:innen“ trug später zur negativen Konnotation bei.

    Europäer:innen fassten unter diesem Begriff alle Gesellschaften der (sub-)arktischen Regionen zusammen und wiesen ihnen pauschalisierende, oft klischeehafte Eigenschaften zu.

    Heute lehnen viele indigene Gesellschaften in Nord- und Nordostkanada sowie in Grönland die Bezeichnung „Eskimo“ als Diskriminierung ab. In Alaska und Sibirien wird der Begriff von einigen Gruppen jedoch weiterhin verwendet, da sie sich nicht als „Inuit“ bezeichnen – ein Begriff, der nicht aus ihren eigenen Sprachen stammt.

  • „Lappe/Lappin“, „Lappland“

    Der Begriff ist eine veraltete und abwertende Fremdbezeichnung für Angehörige der indigenen Gruppe der Sámi (dt. auch Same bzw. Samin oder Samen). Die meisten Sámi leben heute in einem Gebiet, das sich über Norwegen, Schweden, Finnland sowie die zu Russland gehörige Kola-Halbinsel erstreckt und als Sápmi bezeichnet wird. Ein wesentliches Zugehörigkeitsmerkmal sind die samischen Sprachen, die Teil der finno-ugrischen Sprachfamilie sind. Auch die geographische Bezeichnung „Lappland“ leitet sich von der Fremdbezeichnung ab.

    Der etymologische Ursprung der Fremdbezeichnung ist nicht eindeutig geklärt. Sie wurde nicht nur im allgemeinen Sprachgebrauch in Skandinavien verwendet, sondern auch im übrigen Europa bis in das 21. Jahrhundert. Meist gingen damit pauschalisierende, stereotypisierende oder romantisierende Zuschreibungen von „naturverbundenen“ Menschen der nördlichen europäischen Peripherie einher. Zur Verbreitung der Fremdbezeichnung trug unter anderem das Werk Lapponia (1675) des deutsch-schwedischen Gelehrten Johannes Schefferus (1621–1679) bei. Im Rahmen der sogenannten „Lappologie“ wurden die Sámi von außen beschrieben und klassifiziert. Dies ging vielfach mit Fremdbestimmung, Bevormundung und Interessen der Nationalstaaten Fennoskandinaviens einher. In Schweden wurden Anfang des 20. Jahrhunderts Vermessungen und rassistische Studien durchgeführt, die die Sámi innerhalb einer Evolutionshierarchie einordneten. Besonders bedeutsam war dabei das 1922 gegründete staatliche Institut für „Rassenbiologie“.

    In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand durch verstärkte Vernetzung untereinander sowie kulturelle und politische Initiativen eine überregionale und internationale samische Identität. In diesem Zusammenhang wurde die Fremdbezeichnung zunehmend abgelehnt und als abwertend empfunden. Es setzte sich die Eigenbezeichnung Sámi durch – abhängig von diversen Sprachdialekten auch Samit, Samek oder Sápmelaš. Zuerst fand dieser Prozess in Fennoskandinavien statt und griff später auch auf andere sprachliche Kontexte über.

    In der deutschen Sprache bezeichnet „Lappen“ zudem ein kleines Stück Stoff oder Leder; daraus entwickelte sich auch eine abwertende Bedeutung für einen kraftlosen, unbedeutenden oder kognitiv eingeschränkten Menschen. Eine gemeinsame Etymologie mit der Fremdbezeichnung für die ethnische Gruppe der Sámi ist nicht belegt.

  • „Volkstypen“

    Der veraltete Fachbegriff „Volkstypen“ bezeichnet Darstellungen, die Menschen aufgrund nationaler, ethnischer, regionaler oder sozialer Merkmale als vermeintlich typische Vertreter:innen ganzer Gruppen zeigen. Diese Art der Darstellungen entstand im Zusammenhang mit der beginnenden Bestrebung in Europa, Nationalstaaten zu bilden. Sie fand sich nicht nur in der Malerei, Grafik und Keramik, sondern verbreitete sich vor allem durch die Fotografie ab dem späten 19. Jahrhundert massenhaft. Diese Fotografien dienten dazu, Bevölkerungsgruppen und Regionen verallgemeinernd abzubilden und zu vergleichen. Durch Entpersonalisierung und Stilisierung wurden Gemeinsamkeiten und Unterschiede betont, um ein typisches Bild zu erzeugen.

    In der älteren Volkskunde spielten „Volkstypen“-Darstellungen eine große Rolle. Sie prägten die Vorstellung von „Volksgruppen“ und beeinflussten die Wahrnehmung von als fremd oder eigen konstruierten Gruppen. Modernisierung und Industrialisierung wurden in diesen Darstellungen oft ignoriert, wodurch die Abgebildeten ihrem tatsächlichen Lebensumfeld enthoben wurden. Dadurch wurden komplexe soziale Zusammenhänge vereinfacht. Diese idealisierten und typisierten Vorstellungen werden bis heute vielfach als Realität geglaubt.

    Die meisten dieser Fotografien entstanden in Ateliers, oft mit Requisiten und Hintergründen inszeniert. Teilweise repräsentierten dieselben Personen verschiedene „Volkstypen“. Die Bilder zirkulierten als Sammelbilder oder Ansichtskarten. Sie richteten sich an eine elitäre Käuferschicht, wie etwa Tourist:innen.