Reinhard Johler, Wien
Die Kunst, das Volk und seine Kultur
Miszellen zur rezenten Volkskunst- Debatte in Österreich
1. Kulturkampf
Das ,, Österreichische Museum für Volkskunde" und die„ Biennale“ vonVenedig feierten 1995 ihr hundertjähriges Bestehen. Der fast identeGeburtszeitpunkt hatte ähnliche Gründungsintentionen mit sich gebracht.Doch das Biennale- Ausstellungsprinzip der nationalen Vertretung unddes friedlichen, weil mit künstlerischen Mitteln ausgetragenen Wettbe-werbs der Völker wird zunehmend als anachronistisch gesehen undwurde bereits von mehreren Ländern unterlaufen. 1993 wollte auch dervon Peter Weibel bestückte österreichische Pavillon als einschlägig kriti-scher Beitrag verstanden werden: Transnational ausgelegt, wurde vonden beteiligten Künstlern die Frage nach nationaler Identität gleich inmehreren Richtungen gestellt.' Christian Philipp Müller etwa zeigte einethnographisch inspiriertes und an Feldforschung erinnerndes Vielfach-Be- und Überschreiten nationaler Grenzen.² Doch nicht diese konkreteund auch nicht die insgesamt intendierte diskursanalytische Zugangs-weise zu ,, Nation“ und„ Identität“ sorgten für Publizität; Aufregung inder Öffentlichkeit stellte sich hierzulande erst durch die Bekanntgabe derinternationalen Besetzung der vertretenen Künstler her. Der genannteChristian Philipp Müller ist Schweizer, die gleichfalls ausstellendeAndrea Fraser Amerikanerin, und nur Gerwald Rockenschaub ist inÖsterreich geboren. Daß daher zwei von drei Österreich repräsentie-renden Künstlern keine hiesigen Staatsbürger waren, führte, angespornt
Peter Weibel: Der transnationale Pavillon. Österreichs Beitrag zur 45. Biennale von Venedig1993. In: Ders.( Red.): Stellvertreter. Representatives, Rappresentanti. Österreichs Beitrag zur45. Biennale von Venedig 1993. Wien 1993, S. 7-22.
2 Christian Philipp Müller: Grüne Grenze. In: Ebd., Katalogteil( o. S.).