Barbara Lang, Hamburg
Urbane Volkskunst?
Graffiti zwischen Selbst- und Fremdinterpretation
Anfang der achtziger Jahre verkündete ein Graffito in der Toilette derStuttgarter Landesbibliothek:„ Diese Wand ist Eigentum des VOLKS-KUNDE- MUSEUMS Stuttgart“- und damit in gewissem Sinne Eigen-tum der Volkskunde. Da Eigentum verpflichtet, wurde dann umgekehrtdie Fürsorgepflicht gegenüber den Sprayern und zugleich ein gewisserBesitzanspruch auf deren Output von dem Volkskundler Peter Kreuzerschriftlich bestätigt. Auch er versichert:„ Volkskunde heißt die Wissen-schaft, die für Graffiti zuständig ist".²
Sprayer und Wissenschaftler waren offenbar in einen Dialog mitein-ander getreten; und exakt diesen Dialog, die Dialektik zwischen Wissen-schaft und Alltagspraxis, möchte ich hier etwas genauer ins Visier neh-men. Ich frage, welche wechselseitigen Beziehungen zwischen denwissenschaftlichen Interpreten einerseits und den zu interpretierendenGraffiti andererseits bestehen könnten. Welche Konsequenzen zog- undzieht das' Reden über' Graffiti für die Produzenten der Graffiti mög-licherweise nach sich? ³
,, Volkskunde heißt die Wissenschaft, die für Graffiti zuständig ist“.Kreuzer hat dieses Postulat nicht formuliert, ohne zugleich auf den enge-ren Kontext zu verweisen, in dem Graffiti zu sehen sind: namentlich imUmfeld der Volkskunst. Mit Graffiti reagieren die Sprayer laut Kreuzerauf die ,, Unwirtlichkeit“ der Städte, auf die Tristesse der Betonwändeund auf den„, Horror vacui“.„ Dieser, Horror vacui' ist ein altes Kenn-
Beispiel aus: Frieder Stöckle( Hg.): Ätsch ich lebe noch. Sprüche- Widersprüche. Stuttgart1982, S. 6.
2 Peter Kreuzer: Das Graffiti- Lexikon. Wandkunst von A bis Z. München 1986, S. 423.
3 Freilich: Damit beteilige ich mich zugleich selbst am Dialog. Ich schreibe mit an jenem Prozeß,den zu beschreiben ich eigentlich angetreten bin. Il n'y a pas dehors texte.