Druckschrift 
Volkskunst : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1995 in Wien
Entstehung
Seite
243
Einzelbild herunterladen
 

Simone Wörner, Hamburg

Volkskunst in der Langen Reihe

Inventar einer Hamburger Straße

<< 1

Der Krimiautor Hans Jörg Martin schrieb vor Jahren den seither vorallem in Reiseführern gern und häufig wiederholten Satz über St. Georg:,, Ein Schuß Preußen, zwei Spritzer Paris, drei Tropfen Balkan und vierFingerspitzen Poesie. Dieses St. Georg ist ein Stadtteil im ZentrumHamburgs, dem aus unterschiedlichen Gründen und Interessenlagenimmer wieder öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird: Er ist mit 55%der ausländerreichste Bezirk Hamburgs, das zweite Rotlichtmilieu nebenSt. Pauli und zentraler Aufenthaltsort von Abhängigen illegalisierterDrogen wie auch für deren Umschlag. In diesem Bezirk direkt amHauptbahnhof ist der Anteil sozial benachteiligter Bevölkerungsgruppenüberdurchschnittlich hoch, er gilt auch wegen der hohen Kriminalitäts-rate als einer der Problemstadtteile Hamburgs, und kürzlich geriet erwegen des Polizeiskandals in die Schlagzeilen. Zugleich ist er Kneipen-viertel und Haupttreffpunkt der Schwulen- Szene, ein Ort, an dem lifestyle' stattfindet und gepflegt wird, wobei die milieuspezifischenAffinitäten straßenweise differieren. In der Langen Reihe kommen sie

zusammen.

2

Dies sei nur kurz vorangestellt, um recht verschiedene Wahr-nehmungsweisen von Wirklichkeit in St. Georg zu umreißen, denn werhier wohnt oder auch nur darüber spricht, sieht sich mit deren ganzerBandbreite konfrontiert. Die Einschätzung klafft zwischen' toll',

1 Zit. nach: Werner Skrentny: Buntscheckiges Allerlei und Boomtown am Kanal. In: Ders.( Hg.): Hamburg zu Fuß. 20 Stadtteilrundgänge durch Geschichte und Gegenwart. Hamburg1992, S. 75-88, s.S. 76.

Vgl. Arbeitsgruppe für Stadtplanung und Kommunalbau GmbH: Integriertes Handlungs- undMaßnahmenkonzept für den Stadtteil Hamburg St. Georg. Endbericht im Auftrag der Stadt-entwicklungsbehörde Amt für Stadterneuerung. Hamburg 1994, S.14.