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Stofflichkeit in der Kultur : Referate der 26. Österreichischen Volkskundetagung vom 10.-13. November 2010 in Eisenstadt
Entstehung
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und Materialien aus der Zelle. Matratze, Segeltuch, Kleider( auch Hemd) wurde Patien-tin genommen, sie hat nur noch Häcksel in der Zelle," wurde in der Krankenakte notiert.

Beispiel 2: Eva Bouterwek stellt einen Schirm als ihren Ehemann vor

Eine Personifizierung von Objekten war im Anstaltsalltag häufig anzutreffen. KatharinaDetzels Fotografie der Puppe ist nicht das einzige Dokument, das Zeugnis davon ablegt,auf welche Art und Weise die Patientinnen die scheinbar leblosen Materialien ihrer Um-gebung zum Leben erweckten", diese personifizierten und sich als Gefährtin oder Ge-fährte zur Seite stellten- oft mit der Intention, in dieser neuen und fremden Umgebung,fernab von Freundinnen, Freunden und Familie, eine Verbündete oder einen Verbünde-ten für sich zu gewinnen: So wurde beispielsweise in der Krankenakte der ledig[ en]Geheimrathstochter" Eva Bouterwek- leider ohne fotografisch dokumentiert zu sein-vermerkt, dass sie im November 1904, einen Monat nach ihrer Aufnahme in die ersteKlasse der Heil- und Pflegeanstalt Ueckermünde, ihren Schirm mit allerhand Zeichenbekritzelte und ihn dann als ihren Gatten vorstellte". 17 Diese Form der Aneignung und..Personifizierung" eines Objekts erfährt eine zusätzliche Bedeutung, da Eva Bouterwekunverheiratet war, als sie als 29- jährige Frau in die Anstalt eingewiesen wurde- in denAugen vieler Ärzte konnte dies bereits mit ein Grund für den Ausbruch einer Nerven-oder so genannten Geisteskrankheit" sein. So kam der Psychiater Richard Krafft- Ebing( 1840-1902) in seinem 1885 erschienen Buch Über gesunde und kranke Nerven" zu demSchluss, dass das Mädchen, welches nicht zur Ehe gelangt,[...] den Beruf verfehlt[ hat].Es wird zur alten Jungfer Glossar ::: zum Glossareintrag  Jungfer. Das führt bewusst oder unbewusst zu Verstimmungen undeinem ganzen Heer von Nervenkrankheiten". 18 Und auch der Psychiater Emil Kraepelinunterstrich in seinem Lehrbuch von 1903 die herausragende Stellung, welche die Ehe alsSchutz der Frau vor psychischen Erkrankungen einnimmt. 19 Er beschwor in seinen Aus-führungen das idealtypische Modell der bürgerlichen Geschlechtertrennung, durch wel-ches die verheiratete Frau von all jenen Schädlichkeiten, die der Kampf ums Dasein mitsich bringt", verschont bliebe. 20 Das Beibehalten dieser Dissoziation von Erwerbs- undFamilienleben 21 wurde auch von Seiten der Psychiatrie legitimiert, da wie Kraepelinschrieb das Weib Glossar ::: zum Glossareintrag  Weib mit seiner zarteren Veranlagung, mit der geringeren Ausbildung desVerstandes und dem stärkeren Hervortreten des Gefühlslebens weniger Widerstandsfä-higkeit gegen die körperlichen und psychischen Ursachen des Irreseins besitzt, als der

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17 Eva Bouterwek( 1875-1944): Krankenakte der Provinzial Irrenanstalt bei Ueckermünde, KönigreichPreußen, Fotokopie in der Sammlung Prinzhorn, Original im Christopherus Krankenhaus, Fachkran-kenhaus für Neurologie und Psychiatrie Ueckermünde Nr. 2183, Eintrag vom 11.11.1904. Zu EvaBouterwek vgl. Bettina Brand- Claussen: Eva Bouterwek- Ich liebe die Kunst über alles". In: Dies.,Maike Rotzoll u. Thomas Röske( Hg.): Todesursache Euthanasie. Verdeckte Morde in der NS- Zeit.Ausstellungskatalog der Sammlung Prinzhorn. Heidelberg 2002, 43-47.

18 Vgl. Richard Krafft- Ebing: Über gesunde und kranke Nerven. Tübingen 1885, 44.

19 Vgl. Kraepelin 1903( wie Anm. 10) 104f.

20 Ebd. 104.

21 Vgl. zum Begriff der Dissoziation" in diesem Kontext: Karin Hausen: Die Polarisierung der..Geschlechtscharaktere". Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben.

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In: Werner Conze( Hg.): Sozialgeschichte der Familie in der Frühen Neuzeit Europas. Stuttgart 1976,363-393.