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Stofflichkeit in der Kultur : Referate der 26. Österreichischen Volkskundetagung vom 10.-13. November 2010 in Eisenstadt
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,, Naturstoffwechsel": Grenzen und Nutzen einesZugangs zur materiellen Welt

Dieter Kramer

1. Einleitung: Wissenschaft und Gesellschaft

Wissenschaft ist mit all ihren Beteiligten Bestandteil gesellschaftlicher Prozesse undreagiert auf die Herausforderungen der Lebenswelt. Sie ist Teil der Bemühungen umOrientierung in einer sich verändernden Welt. Jens Wietschorke hat in seinem informa-tionsreichen Aufsatz über Historische Anthropologie eingangs das große Interesse derSozialarbeiter und Sozialpädagogen an Feldforschung und Cultural Studies benannt.'Das ist kein Wunder, denn die Impulse für letztere stammen ja aus der britischen Er-wachsenenbildung, und in der großen neuen Unübersichtlichkeit" suchen auch die Pä-dagogen nach anregenden Interpretationen für die Praxis ihres Arbeitsfeldes.Die Europäische Ethnologie muss sich herausgefordert sehen durch Fragen der Le-benswelt in Zeiten der Globalisierung, ohne dadurch die Freiheit ihres Forschens auf-zugeben und zum Büttel von Interessen zu werden. Sie kennt keine Lösungen, aber als..Symbolarbeiter" liefern auch die Ethnologen mit ihren Interpretationen Orientierungs-hilfen. Zu den aktuellen Herausforderungen zähle ich dabei neben den globalen Proble-men etwa auch die Veränderungen in der Krise der Arbeitsgesellschaft, die wachsendeKluft zwischen Arm und Reich, die sozialen Notlagen, die Entwicklung der Demokratie,die Begrenzungskrise. Wenn gesellschaftliche und politische Akteure sich immer häu-figer kulturell definieren und gleichzeitig immer neue Konflikte durch die Instrumen-talisierung kultureller( religiöser, ethnischer, historischer...) Unterschiede entstehen,dann fordert das die ethnologischen Wissenschaften heraus.

Zu diesen Fragen hat die Europäische Ethnologie in der einen oder anderen Weise etwasbeizutragen. Der Bezug zur Welt außerhalb der Universität ist für mich unverzichtbar,er prägt auch diesen Text. In ihm geht es um den Zusammenhang der symbolischenDimensionen der Dinge mit ihrer Stofflichkeit im Naturstoffwechsel". Wie kommt dieStofflichkeit in die Kultur, ist die Ausgangsfrage.

Die meisten Menschen haben immer schon gearbeitet", benennt Jürgen Osterham-mel bei seinen internationalen Vergleichen zur Geschichte des 19. Jahrhunderts eineSelbstverständlichkeit.2 Aber womit, mit welchen und Mitteln und Ergebnissen und wo-für arbeiten die Menschen?

Beginnen wir mit dem Einfachen: Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Menschund Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seineeigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturprozeß selbst als eine Na-turmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine,

1 Jens Wietschorke: Historische Ethnografie. Möglichkeiten und Grenzen eines Konzepts. In: Zeit-schrift für Volkskunde 2010, 197-224, hier: 197.

2 Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München,2009, 958.

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