Vergängliche Perlen der Heimatliebe'
Aspekte der Lebensdauer materieller Kultur
Cornelia Eisler
In Heimatstuben und-museen finden sich vielfach Dinge, deren hohe symbolische Be-deutung ganz im Gegensatz zu ihrem eher niedrigen materiellen Wert steht. Die so ge-nannte, Heimatliebe' wertet Stofflichkeit ideell auf, wobei die Wertschätzung eng an diePersonen geknüpft ist, die entsprechende Bedeutungen zuschreiben. Diesen hier als.Perlen der Heimatliebe" sinnbildlich umschriebenen Objekten ist daher eine gewis-se Flüchtigkeit, bisweilen auch Beliebigkeit zu eigen. Im Folgenden sollen am Beispielvon Dingen in den Heimatsammlungen der Flüchtlinge, Vertriebenen und Aussiedler inDeutschland, die unter anderem auch als schlesische, pommersche oder siebenbürgi-sche Heimatstuben bezeichnet werden, entsprechende Be- und„ Ent"-Deutungen alsEinflussgrößen hinsichtlich der Lebensdauer von Stofflichkeit dargelegt werden.
Die Heimatsammlungen
Ende der 1940er Jahre bildeten sich erste so genannte, ostdeutsche Heimatstuben',die einerseits deutschen Flüchtlingen und Vertriebenen, später Aussiedlern als Begeg-nungsstätten und Orte der Selbstvergewisserung dienten und andererseits, wie Elisa-beth Fendl es für die Egerländer Heimatstuben feststellte, sich zu„ Deponien der Er-innerung entwickelten.2 In ihnen wurde gesammelt und bewahrt, was die Menschenwährend des Zweiten Weltkrieges und auf ihrem Weg nach Westen hatten retten könnenund was ihnen die Heimat in Erinnerung bringen oder sie repräsentieren konnte. Die-sen vorwiegend im privaten, familiären Umfeld bewahrten Erinnerungsstücken wurdezunächst, wie Volkskundler dokumentierten, ein besonderer Platz in den Wohnungenoder in so genannten Heimatecken des neuen Zuhause eingeräumt.3 Ulrich Tolksdorf
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1 In Anlehnung an eine Formulierung von Walli Richter:„ die vielen bunten Steine der Heimatliebe",Richter, Walli: Heimatstuben. Ein Fenster zur Welt. In: Der gemeinsame Weg 70, 1993, 16-18, hier: 17.Elisabeth Fendl: Deponien der Erinnerung- Orte der Selbstbestimmung. Zur Bedeutung und Funktionder Egerländer Heimatstuben. In: Hartmut Heller( Hg.): Neue Heimat Deutschland. Aspekte der Zu-wanderung, Akkulturation und emotionalen Bindung. Erlangen 2002( Erlanger Forschungen, ReiheA, Geisteswissenschaften, 95), 63-78. Heimatsammlung wird verstanden als zusammenfassenderBegriff für Heimatstuben und kleinere Heimatmuseen. Einige dieser Einrichtungen haben sichmittlerweile zu größeren Museen oder Dokumentationszentren entwickelt und grenzen sich vonder Bezeichnung Heimatstube oder Heimatsammlung ab. Die Bezeichnung.ostdeutsch' wird vonden Betroffenen generalisierend verwendet, ungeachtet der Tatsache, dass nicht alle Herkunftsre-gionen, auf die sich die Heimatstuben beziehen, auch.ostdeutsche Gebiete' darstellten. So gehörenlediglich die ehemaligen deutschen Reichsgebiete östlich von Oder und Neiße dazu, im engerenSinne jedoch beispielsweise nicht Böhmen, Mähren oder die so genannten Sprachinselgebiete'.3 Vgl. Hermann Bausinger; Markus Braun u. Herbert Schwedt: Neue Siedlungen. Volkskundlich-soziologische Untersuchungen des Ludwig- Uhland- Instituts Tübingen. 2. veränd. Auflage. Stuttgart1963, 184 und Tolksdorf Ulrich: Heimatmuseen, Heimatstuben, Heimatecken. In: Jahrbuch fürostdeutsche Volkskunde 26, 1983, 338-342, hier: 340.
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