iTouch. Berührung als Schnittstelle zwischen
Mensch und Material
Timo Heimerdinger
Berührung und Stofflichkeit
Es sind ungewöhnliche Formulierungen, die seit einiger Zeit in schöner Regelmäßigkeitin Zeitungen und anderen Medien auftauchen: Von einem" Streichel-" 1 oder" Kuschel-computer" ist die Rede, einem" Fühlgerät", das sich anschmiegt und das man" mit insBett" oder auf die Couch nehmen möchte. Die Rede ist von Apples iPad, einem Gerätirgendwo zwischen Computer, Spielzeug und Medienmultitalent, das wegen seiner be-rührungsempfindlichen Oberfläche weitgehend auf Knöpfe und Tasten verzichten kann.Es ist der große Bruder des iPhones, eines Mobiltelefons, das ebenso durch Fingerzei-ge und Berührungen gesteuert wird und sich mit anderen Smartphones in der letztenZeit geradezu zum dinglichen Symbol des mobilen Online- Seins entwickelt hat: Für denUser ist es Hand, Stimme, Auge und Ohr in der digital und mobil vernetzen Wirklichkeitin Einem. Neben seinem funktionalen Gebrauch dient das Gebilde aus Glas, Aluminiumund verschiedenen Kunststoffen als Statussymbol, Handschmeichler, Schmuckstückund Accessoire zugleich.
Worin gründet die Bedeutsamkeit genau dieses Dings als ständigem Begleiter und washat es auf sich mit der Beseeltheit- auch seiner BesitzerInnen? Meine These lautet: dieBerührung und die Berührbarkeit spielen hier eine wichtige Rolle. Was für eine Sensati-on ist es, wenn die Geräte auf die bloße, sachte Berührung auch noch in der gewünsch-ten Form reagieren! Apple weiß das, ich werde auf die angebissenen Äpfelchen und ihrebunten betastbaren Oberflächen noch zurückkommen. Zunächst geht es mir aber umdie Berührung selbst.
Eine weit gespannte fachlichen Debatte- nicht zuletzt auch um Begriffe- erstrecktsich von noch geradezu spätromantisch raunenden Beseeltheiten der Dinge³ über ihreunterschiedlichen Bedeutsamkeiten in der Lesart Karl- Sigismund Kramers- so etwaauch die„ Stoffbedeutsamkeit" 4 bis hin zu aktuellen Stoffgeschichten und modernen
1 Spiegel online vom 14.4.2010: Apple- Tablet. Israel blockiert iPad- Importe. Vgl. http: //www.spiegel.de/ netzwelt/ gadgets/ 0,1518,688872,00.html-( Zugriff: 12.02.2011)
2
Klaus Brinkbäumer und Thomas Schulz: Der iKult. Wie Apple die Welt verführt. In: Der Spiegel( Titelgeschichte), Nr. 17, 26.04.2010, 66-78, hier: 68.
3 Vgl. zusammenfassend Brigitta Schmidt- Lauber: Gemütlichkeit. Eine kulturwissenschaftliche An-näherung. Frankfurt/ New York 2003, 77-78. Der Begriff„ Dingbeseelung" geht nach K.-S. Kramerauf seinen Doktorvater und bekennenden Nazi Otto Höfler zurück, vgl. hierzu Karl- Sigismund Kra-mer: Dingbedeutsamkeit. Zur Geschichte des Begriffes und seines Inhaltes. In: GermanischesNationalmuseum( Hg.): Anzeiger des germanischen Nationalmuseums und Berichte aus dem For-schungsinstitut für Realienkunde 1995, Nürnberg 1995, 22-31, hier: 22; vgl. auch Andreas Schmidt:Stoffgeschichten. Eine Forschungsperspektive für die Europäische Ethnologie/ Volkskunde? In: Kie-ler Blätter zur Volkskunde, 38/39, 2006/2007, 7-22, hier: 16.
4 Vgl. Kramer( wie Anm. 3), 30.
5
Schmidt( wie Anm. 3) 2006/2007.
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