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Stofflichkeit in der Kultur : Referate der 26. Österreichischen Volkskundetagung vom 10.-13. November 2010 in Eisenstadt
Entstehung
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Handhaben und Teilhaben: Dingpraktiken in dernaturhistorischen Amateurwissenschaft. 1870-1930.

Tobias Scheidegger

Standort

In der naturinteressierten Publizistik des ausgehenden 19. Jahrhunderts- in Zeitschrif-ten von Alpenclubs, Pflanzenschutz- Vereinigungen, Naturforschenden Gesellschaften-ist häufig von so genannten Liebhabern" der Tier- und Pflanzenwelt die Rede. Je nachStandpunkt werden dieselbigen beschrieben als idealistische Kenner und Erforscherheimatlicher Naturpracht oder auch, mit zunehmendem Aufkommen des Naturschutz-gedankens, als rücksichtlose Frevler an der Schöpfung. Mit gemischten Gefühlen wirdin einer Pflanzenschutz- Zeitschrift aus dem Jahre 1890 festgehalten, wie das Sammelnvon Blumen zu einem eigentlichen Volkssport herangewachsen sei:

..In früheren Jahren sah man nur selten einen Herrn mit einer Botanisirbüchse auf demRücken die Gegend durchstreifen. Auch genirte man sich, mit diesem ungewohnten An-hängsel auszugehen und war jeweilen froh, wenn man eine abgelegene Gegend erreichthatte, wo man den neugierigen Blicken der Menge entzogen war.[...] Heute ist das gans[ sic] anders geworden. Truppweise rücken die jungen Botaniker ins Feld. Das Publikumist längst an den Anblick der grünen Blechbüchsen so gewöhnt, dass es kaum mehrdarauf achtet; ja, jedes Kind trägt eine solche auf dem Rücken, wenn es am Sonntag mitseinen Eltern einen Ausflug ins Freie macht[...]." 1

Diese Liebhaberei des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts als eigen-ständige Form populärer Wissensproduktion ist für den deutschen Sprachraum bis an-hin nicht eingehend aufgearbeitet worden. Eine gewisse Nähe zur Thematik weisen al-lenfalls noch Untersuchungen zur Wissenschaftspopularisierung im besagten Zeitraumauf. Mit ihrem Fokus auf popularisierende Publizistik und Rezeptionsweisen bilden siezwar gleichsam den intellektuellen Hintergrund des wissenschaftlichen Amateurismusab, verfehlen aber zugleich einiges; vorab diejenigen Handlungsweisen, die über textu-elle Praktiken hinausgehen².

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Hermann) Fischer- Sigwart: Beiträge zur Ausbreitung der Pflanzenschutzidee in der Schweiz. In:Bulletin de l'Association pour la protection des plantes, Bd. 7, 1889, 11-16, hier: 11.2 Die diesbezüglich wegweisende Publikation Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert vonAndreas W. Daum( München 1998), besticht zwar durch faktenreiche Darstellung des ideell- politi-schen Rahmens sowie des publizistisch- institutionellen Umfeldes der Wissenschaftspopularisie-rung und Amateurwesens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, lässt aber eine Darstellungder konkreten Wissenschaftspraktiken der je individuellen Amateure vermissen. Ähnliches gilt fürCarsten Kretschmanns Untersuchung Räume öffnen sich( Berlin 2006), welcher mit seinem Fokusauf naturhistorische Museen einen wichtigen Schauplatz der Wissenspopularisierung im 19. Jahr-hundert beleuchtet- und zwar explizit unter der Perspektive musealer Praktiken- durch dieseFokussierung auf institutionalisierte Wissensräume jedoch nicht wesentlich auf Amateurpraktikeneingeht. Größere Aufmerksamkeit finden diese liebhaberischen Handlungsweisen in Elizabeth Kee-

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