Materielle Zeugnisse verdichteter immateriellerWertsetzungen
Ulrike Kammerhofer- Aggermann
Segenszeichen, Amulette, Rosenkränze-eine außergewöhnliche Kollektion
Diese Abhandlung führt zwei Katalogbeiträge für das Salzburger Dommuseum weiter,die sich mit Amuletten und Rosenkränzen der Münchner Edith- Haberland- Wagner- Stif-tung beschäftigten. Die erstmalige Objekterschließung von fast 10.000 religiösen Ob-jekten zwischen dem Spätmittelalter und 19. Jahrhundert, mit einem Schwerpunktauf dem Barock durch Kunsthistoriker/-innen des Salzburger Dommuseums, hat auchstrukturelle und sozialgeschichtliche Schlüsse ermöglicht. Die Arbeit an der Sammlungwurde in den Katalogen durch Abhandlungen über Herstellungszentren der Segenszei-chen, Medaillons, Medaillen, Amulette und Rosenkränze sowie durch religionswissen-schaftliche und ikonologische Studien ergänzt.
Fachgeschichtliche Zugänge auf dem Weg zur Kulturwissenschaft
Dass die genannte Sammlung Stoff für Geistes-, Material- und Sozialgeschichte bietetund Einblick in die Deutungs- und Verwendungsgeschichte gibt, hat die Autorin in denKatalogbeiträgen dargestellt. Die Mensch- Objekt- Beziehung als Produkt der Sozialisa-tion in ihren Facetten von Selbstdarstellung, Praxis der Alltagsbewältigung wie Mono-pol der Deutungsmacht soll hier im Zentrum stehen.
Betrachtet man die Fachgeschichte, so ist Walter Hartinger zu nennen, der nicht nur dieDiskrepanz zwischen Religionen und populärer Religiosität festgestellt hat, sondern auchwie sehr der Gebrauch von Amuletten und Segenszeichen eine vielschichtige Geschich-te darstellt, in der Überschneidungen( Synkretismen) von Bedeutungssphären zwischenMagie und Religion Tatsache sind. In diesem Sinne erweiterte er die ersten dahinführen-den Ansätze von Rudolf Kriss erheblich. Übernahmen, Aneignungen und Umformungenaus anderen Religionen und Denksystemen, spätere Zuweisungen und Subsumierungenwurden ihm zu wenig erforscht bzw. zu sehr instrumentalistisch hergeleitet.³
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1 Ulrike Kammerhofer- Aggermann: Objekt im Gebrauch der Menschen. Die Beten". In: Peter Kelleru. Johannes Neuhardt( Hg.): Edelsteine, Himmelsschnüre. Rosenkränze& Gebetsketten. Katalogzur 33. Sonderschau des Dommuseums zu Salzburg, 9. Mai bis 26. Oktober 2008.(= Katalog des Be-standes der Edith- Haberland- Wagner- Stiftung, Bd. 1). Salzburg 2008, 86-97.- Dies.:„ Eine gleich-sam himmlische Medizin". Objekte vertrauensvoller Frömmigkeit oder unchristlicher Aberglaube?In: Peter Keller u. Johannes Neuhardt( Hg.): Glaube& Aberglaube. Amulette, Medaillen& Andachts-bildchen. Katalog zur 36. Sonderschau des Dommuseums zu Salzburg, 21. Mai bis 26. Oktober 2010(= Katalog des Bestandes der Edith- Haberland- Wagner- Stiftung im Dommuseum zu Salzburg, Bd.2). Salzburg 2010, 9-28.
Duden. Deutsches Universalwörterbuch A- Z. Mannheim 1989, 54 u. 614: Wörterbücher definierenGlaube als eine Verhältnisbeziehung des Menschen zu etwas Höherem. Aberglaube dagegen schreibtMenschen und Dingen eine Automatik von Kräften zu, er ist ein Anwendungsdenken.
3 Walter Hartinger: Religion und Brauch. Darmstadt 1992, 239-241.- Rudolf Kriss: Zur Sammlungfür religiöse Volkskunde im Bayerischen Nationalmuseum. In: Religiöse Volkskunde. Fünf Vorträge
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