Architektur und Materialbedeutsamkeit:Eine stadtanthropologische Skizze
Jens Wietschorke
1. Eine Stadtanthropologie der Baustoffe? Einleitende ÜberlegungenSeit den 1990er Jahren hat sich in der soziologischen und kulturwissenschaftlichenStadtforschung eine Tendenz durchgesetzt, nicht nur Urbanität als Lebensform oderKultur in Städten, sondern auch die Spezifik ganz bestimmter Städte- also den Ha-bitus, die Eigenlogik, das kulturelle Imaginäre von Städten- zu untersuchen.' Da-bei wird auch die Materialität der Stadt zu einem wichtigen Bezugspunkt.2 Etwa imgleichen Zeitraum sind unter den Forschungsarbeiten zur materiellen Kultur eini-ge Untersuchungen erschienen, die sich mit Baustoffen, ihrer Kulturgeschichte undMaterialbedeutsamkeit befassen. So liegen materialikonologische Studien etwa zumBackstein, zum Beton, zum Klinker und Granit oder zum Asphalt vor.³ Damit ist dieRolle konkreter Materialien für die Gestaltung und Wahrnehmung der urbanen Um-welt sowie der industriellen Moderne überhaupt beleuchtet worden- aber nur seltenwurde diese Fragestellung auch auf die Untersuchung des kulturellen Imaginären derStadt übertragen. Kurzum: Unterbelichtet ist die Bedeutung bestimmter Materiali-en in der Architektur und Bautradition bestimmter Städte. In diesem Beitrag geht esmir darum, das Interesse für Materialikonologie einerseits und das Interesse für dieSpezifik der Städte andererseits einmal experimentell zusammenzudenken, und zwarmit der Frage, welche Rolle die Materialbedeutsamkeit“ von Baustoffen bei der For-mierung von städtischen Vorstellungsbildern und Repräsentationspraktiken spielt.Anhand zweier italienischer Beispiele- des neapolitanischen Tuffsteins und des rö-mischen Travertin- möchte ich auf diese symbolische Dimension von Baumaterialien
1 Vgl. dazu u.a. Rolf Lindner: Der Habitus der Stadt. Ein kulturgeographischer Versuch. In: Peter-manns Geographische Mitteilungen 147, 2003, 46-53; Ders. u. Lutz Musner: Kulturelle Ökonomien,urbane„ Geschmackslandschaften" und Metropolenkonkurrenz. In: Informationen zur modernenStadtgeschichte 1, 2005, 26-37; Jochen Guckes: Der„ Habitus der Stadt" im historischen Vergleich:Dresden, Freiburg i. Br. und Dortmund 1900-1960. In: Volkskunde in Sachsen 17. Jg., 2005, 9-29;Helmuth Berking u. Martina Löw( Hg.): Die Eigenlogik der Städte. Neue Wege für die Stadtforschung.Frankfurt am Main 2008; Rolf Lindner: Textur, imaginaire, Habitus. Schlüsselbegriffe der kulturana-lytischen Stadtforschung. In: Berking u. Löw, 83-94; Martina Löw: Soziologie der Städte. Frankfurtam Main 2008.
2 Als ein neuer Versuch, die Materialität der Stadt- u.a. im Kontext der Frage nach städtischen Eigen-logiken zu konzeptualisieren, vgl. Alexa Färber: Greifbarkeit der Stadt: Überlegungen zu einerstadt- und wissensanthropologischen Erforschung stadträumlicher Alltagspraktiken. In: dérive.Zeitschrift für Stadtforschung Nr. 40, Oktober 2010, 100-105.
3 Vgl. Kathrin Bonacker: Beton. Ein Baustoff wird Schlagwort. Geschichte eines Imagewandels von1945 bis heute. Marburg 1996; Simone Wörner: Asphalt- Stoff der Großstadt. In: Thomas Hengart-ner u. Johanna Rolshoven( Hg.): Technik- Kultur. Formen der Veralltäglichung von Technik- Technikals Alltag. Zürich 1998, 121-139; Christian Fuhrmeister: Beton- Klinker- Granit. Material, Macht,Politik. Eine Materialikonographie. Berlin 2001. Als Überblicksdarstellung zum Thema empfiehltsich das Buch von Thomas Raff: Die Sprache der Materialien. Anleitung zu einer Ikonologie derWerkstoffe. Münster u.a. 2008.
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