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Stofflichkeit in der Kultur : Referate der 26. Österreichischen Volkskundetagung vom 10.-13. November 2010 in Eisenstadt
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Stofflichkeit in der Kultur der Dinge

Konrad Köstlin

Ich komme nicht aus der kleinen deutschen Stadt Dingelstedt und bin auch nicht derVetter aus Dingsda, der zu den Mörbischer Festspielen reist. Ich will auch kein Stoffelsein. Nein, namens des Vereins für Volkskunde als Mitveranstalter des Volkskunde-tages will ich ein Grußwort an Sie richten. Das aber will ich nicht bloß als Grüß- Gott-August absolvieren.

Der Verein für Volkskunde, für den ich spreche, ist im Museum verankert. Und schonaus dieser Perspektive ist das Thema, das sich ja nicht nur mit den Dingen allein, son-dern einem besonderen Aspekt dieser Dinge befaßt, der Stofflichkeit als kulturellemAusdruck. Die Altvorderen, die gleich zu nennen sind, hätten ihre Freude.Zuerst einige Takte zu den Dingen: Sie hatte Richard Weiss als entscheidendes Medi-um charakterisiert, als er dem Fach aufgab, den Menschen in den Dingen und durchdie Dinge zu erkennen." Die Dinge waren wichtig als Vehikel zur Kenntnis des Men-schen, der Menschen. Aber wenn es nicht primär um die Dinge selbst ging, so machendoch Menschen Dinge, geben ihnen Bedeutung und Deutung.

Den Dingen selbst auf den Grund zu gehen ist wie das Auspacken eines Geschenksan Weihnachten. Was bedeuten das Auspacken und die Verpackung des Dings selbst?Wir versuchen, wie man so sagt, einen fremden Blick auf die Dinge zu werfen. Dasgilt gerade im Museum, das sich seit Peter Sloterdijk als Schule des Befremdens" inunserem Wortvorrat etabliert hat: es ist einer der Orte, an dem den Dingen Bedeutungattestiert und Deutung zuteil wird.

Gewiß, die Dinge liegen erst einmal im Dunkel. Martin Heidegger, der Weise aus Meẞ-kirch, würde raunend fragen Was ist das Ding, sofern es ein Ding ist?" Gerade jetztin der vorweihnachtlichen Zeit, wo die Frage der Geschenke wieder aktuell wird, stelltsich diese Frage neu. Da wird dann gegen das anything goes" eine kulturkritischeAttitude gegenüber einer Beliebigkeit der Dinge eingeübt. Im Regal der Warenhäuser,die ja doch immer noch die Dingparadiese unserer Zeit sind, stehen 40 Espressoma-schinen aufgereiht. Die verarbeiteten Stoffe glänzen oder sind modisch stumpf. IhreTypologie zu entschlüsseln, sie Gattungen zuzuordnen und dann sich zu entscheiden,verlangt Kenntnisse und wird zum Bekenntnis.

Europäische Ethnologen stehen gewiß nicht über den Dingen: Sie suchen immer dieNähe und wollen sich in die Dingwelten und ihre Stofflichkeit hinein begeben, wollenihre stoffliche Bedeutsamkeit erfahren. Leopold Schmidt hatte von Stoffheiligkeit"gesprochen, Karl- Sigismund Kramer das Konzept der Stoffbedeutsamkeit" entwi-ckelt und Wolfgang Brückner am Beispiel des Bienenwachses über Stoffwertigkeitnachgedacht. Der von Karl- Sigismund Kramer geprägte Begriff der Dingbedeutsam-keit bezeichnet eine über die materielle Beschaffenheit und den instrumentellen undfunktionalen Dinggebrauch hinausgehende affektbesetzte und emotionale Sinnstiftungin Objekte und Gegebenheiten der alltäglichen Lebenswelt. In seiner Dissertation hatteer von Dingbeseelung" gesprochen, ein Begriff, den in einem Seminar sein Lehrer

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