Made in Europe
Oder: Schaffen Dinge Europa?
Im Andenken an Elisabeth Katschnig- Fasch+
Reinhard Johler
In seinem 1829 in Pest erschienenen„ Gemälde von Ungern" hat Johann von Csaplovicseine möglichst vollständige statistische Ethnographie" seines„ Vaterlandes" verfasst.Csaplovics er war ein slowakisch- ungarischer Polyhistor- sah dabei im alten König-reich Ungarn ein„ Europa im Kleinen". Denn neben der höchst vielfältigen„ physischenBeschaffenheit des Landes" seien dort auch..in Hinsicht der Bewohner desselben" fastalle Volksstämme und Sprachen und Religionen und Beschäftigungsarten und Kultur-stufen, endlich auch Lebensweisen, Sitten und Gebräuche" zu Hause. Der ungarischeVolkskundler Lászlo Kósa hat- wie ich meine zu Recht- die Wirkungen dieser Vielfaltauf die entstehende ungarische Ethnographie betont: zum„ Europa im Kleinen" gehörtemit Konzentration auf Transleithanien fast zwangsläufig eine europäische Völkerkunde.2Fast wortgleich- und wiederum folgerichtig- hat sich die österreichische Volkskundebegründet. Verein und Museum für österreichische Volkskunde hatten nämlich gleich-falls einen multi- ethnischen Forschungsraum- den cisleithanischen Teil der Habsbur-germonarchie- im Auge, dessen Natur, noch mehr aber dessen„ bunte Fülle von Völ-kerstämmen"- s- so hat dies der in Ungarisch Altenburg geborene Michael Haberlandttreffend ausgedrückt- gleich einem„ Auszuge die ethnographische MannigfaltigkeitEuropas repräsentieren" 3 würde. Auch Michael Haberlandt hat daher seiner österrei-chischen Volkskunde eine völkerkundliche Orientierung mit auf den Weg gegeben. Willheißen: Haberlandt strebte museal und wissenschaftlich die„ ethnographische Bewäl-tigung der europäischen Volkskulturen" an, doch blieb dies in der Volkskunde- in denskeptischen Worten von Leopold Schmidt- letztlich ein erster und letzter Versuch"."Und trotzdem: Michael Haberlandt hat- hier nur in Stichworten zusammen gefasst- dieses europäisch- völkerkundliche„ Neuland" bei der„ Tagung der deutschen Philo-logen und Schulmänner" in Wien im Jahre 1906 betreten und dort zum ersten Maleden Plan und Grundriß einer vergleichenden europäischen Volkskunde" vorgelegt.Und obwohl sein Vorhaben dem gelehrten Publikum damals„ überkühn" erschien und
Johann v. Csaplovics: Gemälde von Ungern. Erster Theil. Pesth 1829, 13-15.
2 László Kósa: Die Idee des„ Europa im Kleinen" in der ungarischen Ethnographie. In: JozsefJankovics.( Hg.): Die ungarische Sprache und Kultur im Donauraum. Budapest, Wien 1991, 635-641.3 Michael Haberlandt: Zum Beginn. In: Zeitschrift für österreichische Volkskunde 1, 1895, 1-3; vgl.dazu auch: Reinhard Johler: Das Ethnische als Forschungskonzept. Die österreichische Volkskun-de im europäischen Vergleich. In: Klaus Beitl, Olaf Bockhorn( Hg.): Ethnologia Europaea(= Veröf-fentlichungen des Instituts für Volkskunde der Universität Wien, 16/ II). Wien 1995, 69-101; HerbertNikitsch: Auf der Bühne früher Wissenschaft. Aus der Geschichte des Vereins für Volkskunde( 1894-1945)(= Buchreihe der Österreichischen Zeitschrift für Volkskunde, NS 20). Wien 2006.
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Leopold Schmidt: Das österreichische Museum für Volkskunde. Werden und Wesen eines WienerMuseums. Wien 1960, 72.