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Stofflichkeit in der Kultur : Referate der 26. Österreichischen Volkskundetagung vom 10.-13. November 2010 in Eisenstadt
Entstehung
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Der Stoff aus dem die Ausstellungen sind.

Ein Werkstattbericht

Eva Kreissl

Dinge sind das, was von uns bleibt, wenn wir nicht mehr sind. Und je gegenständli-cher wir werden, indem wir uns nach dem Tode in reine Materie verwandeln, also inunbeseelten Stoff verdichten, umso mehr tragen die Dinge, die wir hinterlassen, denHauch unserer Geistigkeit in sich und beflügeln die Erinnerung an den immateriellenTeil unserer Existenz. Und immer mehr brauchen die Menschen nach uns die Krückendes Materiellen, um an die uns auszeichnende Aura eines menschlichen Wesens mitseinen psychischen Eigenarten, emotionalen Eskapaden und geistigen Wegen oderIrrwegen zu gemahnen- und den mehr oder weniger großen Einfluss auf eine Gegen-wart zu ermessen, in der wir dann materiell nicht mehr anwesend sind. Und wie schonzu Lebzeiten gelingt Verstehen nur, wenn man die Verknüpfung von dinglichem Vor-handensein und immaterieller Bedeutung zu schnüren weiß: Ein überlassenes Ding,von dessen Sinn, Bedeutung oder gar Funktion kein Wissen vorliegt oder zumindesteine Ahnung darum, hat seine Aussagekraft verloren. Wenn es nicht ästhetische oderludische Reize bietet, an denen man sich erfreuen kann, gibt es keinen Grund, es auf-zubewahren- es sei denn, wir können hoffen, spätere Generationen seien in der Lagezu entschlüsseln, was sich uns heute verschließt. Andererseits benötigt jeder Gedan-ke ein wie immer geartetes Trägermaterial, um ihn vor dem Vergessen zu bewahren,mögen dies die Seiten eines Buches, ein Notenblatt, Stoffe wie Vinyl, Celluloid, Mag-netband oder die Hardware einer digitalen Aufzeichnung sein: Ohne die Unterstützungder Materialität verpuffen Ideen fast ungenutzt im Äther. Sie ist einer der Garantenfür Überlieferungsprozesse- manche meinen sogar, für Erinnerungsprozesse." 1Gerade in Volkskundemuseen klafft das Ungleichgewicht zwischen der Stofflichkeitund der Bedeutung der Dinge oft stark auseinander. Das liegt natürlich zu einemgroßen Teil an den romantisierenden, oft stark ideologisch geleiteten Motiven, volks-kundliche Sammlungen überhaupt anzugehen. Gerade der Gründer des Grazer Volks-kundemuseums, Viktor Geramb, war wohl jemand, der beseelt war, das, was man voneiner untergehenden Kultur nur irgendwie in Händen halten konnte, mit eben seinenHänden ins Museum zu schaffen und dort vor den Anfeindungen einer entseelten,unordentlich werdenden, weil sich neu ordnenden Welt zu retten. Ihm kam es, im Un-terschied zu Leopold Schmidts mythisch- religiös fundierten Deutungshorizont derGestaltheiligkeit², oder der von Karl- Sigismund Kramer an Richard Weiss angelehn-ten Dingbedeutsamkeit nicht auf eine tiefere Bedeutungsebene dieser geretteten

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Gottfried Korff: Zur Faszination der Dinge. Eine museumshistorische Reflexion in Bildern. In: Institutfür Europäische Ethnologie der Universität Wien( Hg.).: Volkskultur und Moderne, Wien 2000, 345.2 Leopold Schmidt: Gestaltheiligkeit im bäuerlichen Arbeitsmythos. Studien zu den Ernteschnitt-geräten und ihrer Stellung im europäischen Volksglauben und Volksbrauch, Wien 1952.

3 Karl- Sigismund Kramer: Zum Verhältnis zwischen Mensch und Ding. Probleme der volkskundlichenTerminologie. In: Schweizer Archiv für Volkskunde, Band 58, 1962, 91-101.

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