Print 
Stofflichkeit in der Kultur : Referate der 26. Österreichischen Volkskundetagung vom 10.-13. November 2010 in Eisenstadt
Place and Date of Creation
Page
59
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Der verschlackte Körper.

Stofflichkeit als moderner Beweis für Körperschmutz und-reinheit in derF.X. Mayr Medizin

Jakob Calice

Einleitung

Seit Roland Barthes 1964 in den Mythen des Alltags" eine neue Ära der Reinlichkeitproklamierte,' ist viel Zeit vergangen; Zeit für die Etablierung neuer und quasi- neuerKonsumprodukte der Reinlichkeit, die die Reinigung detailliert ausdifferenziertennicht nur in der Breite der möglichen Anwendungen, sondern auch in immer neuenKörperregionen. Das Konzept der Entschlackung gliedert sich nahtlos in den Typusvon körperlichem Reinigungs- Konsumprodukt ein. Es wird an jenen Orten verkauft,an denen es auch andere Produkte moderner Körperreinigung zu kaufen gibt: In Apo-theken findet man Entschlackungstees, im Drogeriemarkt Entschlackungsbadezusät-ze und in Thermen entschlackende Massagen oder entschlackende Schröpf- Anwen-dungen. Sie alle vermitteln die gleiche Botschaft: Der Körper ist innen verschmutztund benötigt( kostenintensive) Unterstützung in der Reinigung.

Das Wissen um und der methodische Einsatz von Entschlackung ist allerdings we-sentlich weiter verbreitet, als ihre kommerzielle Verwertung. Entschlackung ist Teileiner( historischen) medikalen Kultur des Körpers. Dass Brennnessel- Tee reinigendwirkt, war auch schon vor seiner kommerziellen Verwertung bekannt.² Historischist das Wissen um Mechanismen, die den Körper von innen reinigen, mit der Humo-ralpathologie verknüpft. Diese war bis zur biomedizinischen Revolution im 18. und19. Jahrhundert das vorherrschende Konzept, Krankheit zu verstehen.³ Sie ging imWesentlichen davon aus, dass Krankheit durch ein Ungleichgewicht der Körpersäfteentsteht. Gesundheit entsteht sinngemäß durch das erneute Herstellen dieses Gleich-gewichts. Einige bekannte Methoden zu dieser Wiederherstellung von Gleichgewichtwaren der Aderlass, das Schwitzen, Erbrechen oder der Einlauf. Entschlackung folgtohne einem gegenwärtig expliziten Bezug- dieser Logik der Körpersäfte.

-

Obwohl ein gewisses Selbstverständnis über das Funktionieren und die Notwendigkeitvon Entschlackung existiert, ist Entschlackung aus medizinwissenschaftlicher Sichtmehr als umstritten. In hartnäckiger Regelmäßigkeit erscheinen Berichte in Tages-und Wochenmedien über das Phänomen der Entschlackung. In immer gleicher Weisewird darin mehr oder weniger explizit Entschlackung als Humbug entlarvt oder alsHeilmittel gepriesen. Einen Standpunkt zwischen den Extremen scheint es- zumin-dest medial- nicht zu geben. Wie eine Untersuchung von nur einer kleinen Anzahl

1 Roland Barthes: Mythen des Alltags. Frankfurt am Main 2010, 46-49, 107-109.

2 Siehe bspw. Heinrich Marzell: Alte Heilkräuter. Jena 1926, 24.

3

Vergleiche hierzu etwa: Lois N. Magner: The History of Medicine. New York 1992, 71.

59