Versuch über den Kaffeelöffel, in dem sich das Antlitzder Kultur spiegelt*
Stofflichkeit bei Sigfried Giedion und Bruno Latour im Lichte der volks-kundlichen Sachkulturforschung
Johanna Rolshoven
..In Wahrheit aber sind alle Dinge Konkretionen eines Milieus und lebt jede expliziteWahrnehmung eines Dinges von der vorgängigen Kommunikation mit einer bestimmtenAtmosphäre." 1
Prolog
Der Titel dieses Beitrags, ich gebe es gleich zu, ist der Vorwand für eine Gegenstands-beschreibung, auf die sich im Folgenden mein Blick subjektiv und exemplarisch richtet.Die im Titel genannten Herren sind als fachfremde Gäste dazu geladen, mir dabei be-hilflich zu sein.
Welcher Stellenwert kommt der Stofflichkeit in der Kulturanalyse zu? An welche Refe-renzen und Fachtraditionen kann die empirische Kulturwissenschaft Volkskunde an-knüpfen und: Wohin geht die Reise? Diesen Fragen soll gegenstandsübergreifend nach-gespürt werden, unweigerlich rahmen sie das zentrale Erkenntnisinteresse: die Fragenach dem Aufschluss der Dinge über die Kultur?
Eine Hintergrundmelodie des Zeitthemas Stofflichkeit, das die Auseinandersetzungapostrophiert, ist zweifelsohne das Interesse der Gegenwart am Konkreten. In welchemZusammenhang steht es mit den zeitgenössischen gesellschaftlichen Transformations-prozessen?
Die Bedeutsamkeit des Konkreten äußert sich in vielen Bereichen. Sie kann als eine Artdes zurück zu den Sachen selbst" 2 beobachtet werden, die derzeit an vielen Orten derwissenschaftlichen Produktion gepflegt wird. Die materielle( Waren) Kultur erlebt allge-mein große Wertschätzung. Das muss uns als BewohnerInnen einer fortgeschrittenenkapitalistischen Warengesellschaft nicht verwundern. Nicht nur das Interesse an der Wa-renqualität nimmt wieder zu, sondern auch, ganz allgemein, das Interesse am Qualitati-ven. Das Konkrete, Einzelne, Erkennbare, Naheliegende, die vor noch nicht allzu langerZeit dem pauschalen Verhaltensverdacht des Unwesentlichen, sprich Unwissenschaftli-chen, anheimgefallen waren, sind wieder hoffähig. Konsequenterweise werden qualita-
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Der Beitrag geht auf einen 2010 in Eisenstadt gehaltenen Vortrag zurück.
1 Maurice Merleau- Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. Berlin 1966[ Paris 1945], 371.
2 So die Formulierung von Edmund Husserl in: Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänome-nologischen Philosophie I, Husserliana III 1977,1,§42. Das« selbst>> benennt die« Vorurteilsüber-legenheit», die im kulturwissenschaftlichen Zusammenhang nicht betont werden muss, weil hierkeine Fundamentalontologie gepflegt wird.
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