Gerollter Tabak: Zur Stofflichkeit undBedeutungsdimension von Zigarren
Peter F. N. Hörz/ Marcus Richter
Manchmal, so soll Sigmund Freud- angesprochen auf die Symbolqualität der von ihmselbst so geliebten Zigarren- gesagt haben, manchmal ist eine Zigarre nur eine Zi-garre. Ganz gleich, ob der Begründer der Psychoanalyse diesen Satz tatsächlich selbstformuliert hat, oder ob das viel zitierte Bonmot Freud einfach nur angedichtet wordenist,' verweist dieser Satz darauf, dass Dinge, in diesem Fall die zur Zigarre geformtenTabakblätter, mitunter auch nur als materiell- funktionale Phänomene existent seinsollen. So gesehen wäre eine Zigarre eine aus Einlageblättern, Umblatt und Deckblattgeformte Röhre, welche- am dazu vorgesehenen Ende angezündet- dazu dient, denentstehenden Rauch durch die vom Raucher erzeugte Sogwirkung in die Mundhöhleeinströmen und auf die im Rachenraum befindlichen Geschmacksorgane einwirkenzu lassen. So gesehen bestünde der Rauch, der durch den Konsum dieses Produk-tes entsteht, aus Schwelprodukten der im Blattgut enthaltenen Kohlenhydrate, ausPyridin- und Pyrrolabkömmlingen, aus Phenolen, Brenzkatechin, Aldehyden, Keto-nen, Nikotinsalzen, Harzen und Paraffinen sowie Wasserdampf.2 So gesehen wäre derHauptwirkstoff, dessentwegen überhaupt zur Zigarre gegriffen wird, das pflanzlicheAlkaloid Nikotin", dem von seiner physiologischen Wirkung her sowohl erregende alsauch lähmende Wirkungen auf das vegetative Nervensystem attestiert werden. Undweil der Rauch von Zigarren-zum einen auf Grund der zu ihrer Herstellung verwen-deten Tabaksorten, zum anderen aber auch bedingt durch die Art und Weise, wie dieTabakblätter aufbereitet werden- ein basischer Rauch ist, in dem das Nikotin un-gebunden bleibt, muss dieser nicht inhaliert werden, sondern kann bereits über dieMundschleimhaut wirken und das Nikotin an den Organismus abgeben.3 So gesehenwäre also eine Zigarre ein von Menschenhand gefertigtes Produkt aus dem Rohstoff..Tabak" und das Rauchen dieses Produktes ein Ineinanderzahnen von physikalischen,chemischen und physiologischen Vorgängen. Interessant als Bedeutungsträger wäre
1 Auch wir können diese Frage hier nicht klären. Fest steht aber, dass sich das Bonmot nicht in FreudsSchriften findet. Fest steht auch, dass wir nicht die ersten sind, die sich mit der Frage beschäftigthaben, ob es sich tatsächlich um ein Freud- Zitat handelt oder nicht. Sucht man im world wide web,so stößt man zum Beispiel auf die Vermutung, Freud hätte mit diesem Satz, ausgesprochen 1909 amRande der Vorlesungsreihe„ Über Psychoanalyse" an der Clark University( Worcester, MA), die Fragenach der Bedeutung seines eigenen Zigarrenkonsums beantwortet. Vgl. http://www.greenspun.com/bboard/ q- and- a- fetch- msg.tcl? msg_id= 00BGBZ( Zugriff: 01.11.2010) Einen Beleg hierfür sucht manauf dieser Internetressource freilich vergebens. Bleibt vorläufig nicht mehr, als darauf zu verwei-sen, dass das Bonmot( in englischer Sprache) in Bartlett, John: Familiar Quotations. A Collection ofPassages, Phrases and Proverbs Traced to their Sources in Ancient And Modern Literature. Boston151980, 679, als Freud.,. attributed" verzeichnet ist.
2 Vgl. Thomas Hengartner: Tabak. In: Ders. u. Christoph Maria Merki( Hg.): Genussmittel. Ein kultur-geschichtliches Handbuch, Frankfurt a. M./New York 1999, 169-193, hier: 171.
3 Im Falle des sauer reagierenden Zigarettenrauchs, in dem das Nikotin in ionisierter Form vorliegt,bedarf es der Inhalation, um das Nikotin dem Organismus verfügbar zu machen.
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