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Stofflichkeit in der Kultur : Referate der 26. Österreichischen Volkskundetagung vom 10.-13. November 2010 in Eisenstadt
Entstehung
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Affront des Stofflichen.

Zur materialen Präsenz von Müll und Abfall

Sonja Windmüller

Stoffgeschichten" lautet der Titel einer Buchreihe, die seit 2006 vom Wissenschafts-zentrum Umwelt der Universität Augsburg herausgegeben wird. Die einzelnen Bän-de widmen sich jeweils einem Material und beleuchten dieses aus verschiedenen,vor allem naturwissenschaftlichen, aber auch kultur- und sozialwissenschaftlichenPerspektiven. Im kurzen, konzeptuellen Aufriss heißt es:.... man[ stößt] auf Überra-schendes und Erstaunliches. Auch Verdrängtes und Unbewußtes taucht auf. Geradeam Leitfaden der Stoffe zeigen sich die Konflikte unserer globalisierten Welt." Stoffe..sind die oftmals widerspenstigen Helden, die eigensinnigen Protagonisten unsererGeschichten. Ausgewählt und dargestellt werden Stoffe, die gesellschaftlich oder po-litisch relevant sind, Stoffe, die Geschichte schreiben oder geschrieben haben." 1

Eröffnet wurde die Reihe mit einem Band über den Staub und damit ein Material, das,, heute", so ist jedenfalls im Vorwort zu lesen, nicht mehr nur ein störender Dreck"sei. Einer der beiden Herausgeber, der Chemiker und Philosoph Jens Soentgen,schwärmt im Presseinterview über das von ihm erforschte Material:

..Staub bringt mich immer wieder zum Staunen.[...] Staub ist so etwas wie ein uni-verseller Aderlass, überall schuppt ständig etwas ab, und dann weht es zusammen,und Botschafter aus allen möglichen Gegenden treffen aufeinander: Ruß von den Autos,Saharastaub, der über die Alpen weht, dazu Salzkristalle aus dem Atlantik, kosmischerStaub von verglühenden Sternschnuppen und natürlich einiges aus der persönlichenStaubwolke, die jeden Menschen umgibt.[...] Im Staub spiegelt sich also nicht nur dieWelt, sondern auch die Art und Weise, wie wir leben- man muss ihn nur lesen können."

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In der Begeisterung Soentgens für den Staub, aber auch in der Konzeption der Reihe..Stoffgeschichten" insgesamt, scheinen Beobachtungen und Überlegungen, Wahrneh-mungen und Deutungen auf, die auch in der( kulturwissenschaftlichen wie alltagswelt-lichen) Beschäftigung mit Müll und Abfall zu finden sind. Werden Dinge zu Staub- oder

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Jens Soentgen u. Knut Völzke( Hg.): Staub. Spiegel der Umwelt.(= Stoffgeschichten, Bd. 1). München2006, o.P.

2 Dies.: Vorwort. In: ebd., 7-11, hier: 7.

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Im Inneren der Wollmaus. Jens Soentgen erforscht, woraus Staub besteht, und weiß, warum winzigePartikel den Himmel am Abend rot leuchten lassen. Interview: Kathrin Halfwassen. In: Die Zeit Nr. 17vom 22.04.2010, 71. Das Interview entstand anlässlich der Aschewolke eines isländischen Vulkans,die den Flugverkehr in Europa im Frühjahr 2010 massiv beeinträchtigte.

4 Nicht zuletzt durch die verwendeten Quellen nahe gelegt, benutze ich die Begriffe Müll und Abfallim Folgenden weitgehend synonym. Vgl. dazu auch Sonja Windmüller: Die Kehrseite der Dinge. Müll,Abfall, Wegwerfen als kulturwissenschaftliches Problem.(= Europäische Ethnologie, Bd. 2). Münster2004, 18f.

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