Stumme Dinge, die zeigen
Das Schreibtelefon und seine Bedeutungen- unter besondererBerücksichtigung des Spielfilms ,, Jenseits der Stille"
Malte Borsdorf
In den Kulturwissenschaften werden Dinge oft mit Sprache in Verbindung gebracht.Fast scheint es so, als wolle hier Dingen, die zuweilen fremd und dadurch„ stumm'anmuten, eine Sprache abgewonnen werden. War es der Volkskundler Otto Lauffer,der meinte:„ Dinge zeigen nur, im Übrigen sind sie stumm", so bietet Gudrun Kö-nigs verkürzte und pointierte Wendung„ Dinge zeigen" einen Hinweis darauf, dassDinge, indem sie zeigen, eine Aussagekraft besitzen.2 So führt denn auch GottfriedKorff die epistemischen Dinge in die Diskussion ein, die„ eine Erkenntnisleistungkraft ihrer Dinghaftigkeit ermöglichen." 3 Und in letzter Zeit finden sich immer mehrAuseinandersetzungen mit der materiellen Kultur, die von einer„ Sprache der Dinge"
sprechen.4
Der Begriff stumm' wird in der Auseinandersetzung mit materieller Kultur offen-bar sehr häufig verwendet. Mit diesem Begriff ist die Bezeichnung, taub' eng verwo-ben. Als, taubstumm' werden Gehörlose bis heute oft bezeichnet- obwohl im Umfeldvon Gehörlosigkeit häufig darauf verwiesen wird, dass Gehörlose nicht stumm sind,sondern eine Gebärdensprache haben. Ich möchte im Folgenden ein Ding besehen,
1 Otto Lauffer: Quellen der Sachforschung. Wörter, Schriften, Bilder und Sachen. In: OberdeutscheZeitschrift für Volkskunde 17( 1943), 106-131, hier: 125.
2 Gudrun König: Dinge zeigen. In: Gudrun König( Hrsg.): Alltagsdinge. Erkundungen der materiellenKultur. Tübingen 2005(= Studien und Materialien des Ludwig- Uhland- Instituts, Bd. 27/ Tübingerkulturwissenschaftliche Gespräche, Bd. 1), 9-28, hier: 9ff.
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Gottfried Korff: Sieben Fragen zu den Alltagsdingen. In: Gudrun König( Hrsg.): Alltagsdinge. Erkun-dungen der materiellen Kultur. Tübingen 2005(= Studien und Materialien des Ludwig- Uhland-Instituts, Bd. 27/ Tübinger kulturwissenschaftliche Gespräche, Bd. 1), 29-42, hier: 41.
Claudia Tietmeyer, Claudia Hirschberger, Karoline Noack und Jane Redlin( Hrsg.): Die Sprache derDinge. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf die materielle Kultur. Münster 2010; SabineSchneider: Die stumme Sprache der Dinge. Eine andere Moderne in der Erzählliteratur des 19. Jahr-hunderts. In: Elisabeth Bronfen u. Christian Kiening( Hg.): Mediale Gegenwärtigkeit. Zürich 2007,265-281.
5 Vgl. Harlan Lane: Mit der Seele hören. Die Lebensgeschichte des taubstummen Laurent Clerc undsein Kampf um die Anerkennung der Gebärdensprache.( Orig.: When the Mind hears. A History ofthe Deaf. New York 1984. Übers. v. Martin Pfeiffer.) München 1988; Oliver Sacks: Stumme Stim-men. Reise in die Welt der Gehörlosen.( Orig.: Seeing Voices. A Journey into the World of the Deaf.Los Angeles 1989. Übers. v. Dirk van Gunsteren.) Reinbek 2008; Malte Borsdorf: Ein Hörimplantatin der Diskussion. In: Paradigmata. Zeitschrift für Menschen und Diskurse 3( 2011), 30-32.- Mitder Gebärdensprache sind die Nuancen des Begriffs gehörlos" verbunden, der groß geschriebendie gleichzeitige Zugehörigkeit zur so genannten„ Gebärdensprachgemeinschaft" bezeichnet, dieGehörlosigkeit nicht als Mangel sondern als Kultur erachtet. Innerhalb dieses Denkens wird häu-fig eine„ Gemeinschaft" und„ Kultur" Gehörloser betont, in Abgrenzung zu anderen Gruppierungenund Behinderungen. Angerissen wird dieses Problemfeld von Jürgen Homann, Lars Bruhn: Zentrender Ausgrenzung. Anmerkungen zur Bedeutung von Disability in den Deaf Studies. In: bidok, behin-derung inklusion dokumentation( 2008), http://bidok.uibk.ac.at/library/bruhn-gehoerlosigkeit.html
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