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Stofflichkeit in der Kultur : Referate der 26. Österreichischen Volkskundetagung vom 10.-13. November 2010 in Eisenstadt
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Abschied von Dingen

Der Umzug ins Altenheim und seine Folgen für die Mensch- Ding- Beziehung'

Anamaria Depner

1. Die Materialität der Dinge und ihre Erfahrbarkeit: theoretischer Horizont

Die Präsenz der Dinge

... Dinge sind Stoffvorkommen. Weil alle Dinge Stoffvorkommen sind und weil alle Stoffemateriell sind, ergibt es sich, dass Dinge materiell sind. Daraus folgt ihr sinnlicherReichtum(...). Die Materialität der Stoffe ist auch die Ursache(...), dass man sie[ dieDinge] in die Hand nehmen kann, um sie herum gehen kann, dass es überhaupt einenWeg zu ihnen gibt." 2

Dieses Zitat stammt aus der 1997 veröffentlichten Dissertation von Jens Soentgen mitdem Titel Das Unscheinbare. Phänomenologische Beschreibung von Stoffen, Dingen undfraktalen Gebilden". Zu einem seiner zentralen Punkte in dieser Arbeit gehört die Fest-stellung: Dinge haben Neigungen. Unter Neigung versteht Soentgen die Eigenschaft einesmateriellen Objekts, von einem Zustand in einen anderen überzugehen- dass Beispiels-weise ein Teller zerbricht. Dabei ist dieser Übergang nicht nur eine bloße Möglichkeit.Die Wahrscheinlichkeit, dass dies geschieht ist so groß, dass wir sie zumeist in unseremUmgang mit Dingen mit berücksichtigen. Er unterschiedet dabei Neigung und Eignung:Erstere ist eine aktive Möglichkeit, eine Eignung- zu" ist hingegen stets passiv.³Die Neigung der materiellen Objekte ist gewissermaßen in ihrem Stoff, in ihrer Stofflich-keit verankert. Sie ist damit eine zusammenfassende, übergeordnete Kategorie zu demSpannungsfeld, das sich uns im Umgang mit Dingen eröffnet. Auf der einen Seite stehtdie Möglichkeit der An- Eignung, der Umnutzung und Umgestaltung von Dingen, aberauch deren Bedeutungsaufladung, als Symbole, Prestigeobjekte, Erinnerungsträger,und so weiter. Auf der andern Seite steht das, was wir mit, Eigensinn der Dinge' oder.Tücke des Objekts' bezeichnen: ihre Eigenlogik, ihre Grenzen, ihre Unmöglichkeiten."Wie auch immer jemand Bezug auf ein Ding nimmt- die Möglichkeit dafür ist stets inder materiellen Präsenz, in der Stofflichkeit des Dings zu suchen. Auch darin zu suchenist, dass das Bezugnehmen reziprok ist. Oder anders gesagt: Dinge teilen ihre aktivenMöglichkeiten aufgrund ihrer Stofflichkeit mit.

1 Dieser Beitrag stellt die bisherigen Ergebnisse meiner Ende 2009 begonnenen Dissertationsarbeit..Dinge in Bewegung. Potential und Ambivalenz der Mensch- Ding- Beziehung" vor.

2 Jens Soentgen: Das Unscheinbare. Phänomenologische Beschreibung von Stoffen, Dingen undfraktalen Gebilden(= zugl. Diss. Techn. Hochsch. Darmstadt 1996). Berlin 1997, 123f.

3 Vgl.: Ebd., passim, bes. 56-63.

4 Neben vielen anderen Beiträgen lässt sich hier nicht zuletzt auf Hans Peter Hahns: Arbei-ten verweisen, z. B. Hans Peter Hahn: Materielle Kultur. Konsumlogik und Eigensinn der Dinge. In:Heinz Drügh, Christian Metz u. Björn Weyand( Hg.): Warenästhetik. Neue Perspektiven auf Kon-sum, Kultur und Kunst(= Suhrkamp- Taschenbuch Wissenschaft, Bd. 1964). Berlin 2011, 92-110.

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