Stofflichkeit in der Kultur.
Ingo Schneider
Pendelbewegungen und Parallelitäten
Das in den letzten Jahren wiedererwachte Interesse an materieller Kultur bzw. amThema Materialität in der Kulturwissenschaft Volkskunde/ Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/ Empirische Kulturwissenschaft erinnert in mehrfacher Weise aneine ähnliche Entwicklung in der Erzählforschung. Dinge und Erzählungen bildeten inden Anfängen der Volkskunde bekanntermaßen zentrale Ausgangspunkte der Disziplinund trieben als solche deren Entwicklung vom frühen 19. bis über die Mitte des 20.Jahrhunderts maßgeblich voran. Im Zuge der Neupositionierung des Fachs zu Beginnder 1970er Jahre gerieten Sach- wie Erzählkultur und deren Vertreter_innen in denSchatten des neuen disziplinären Mainstreams. Teils geschah dies zu Recht, da einGutteil der Ansätze der alten volkskundlichen Sach- ebenso wie der Erzählforschungüberholt waren; teils aber zu Unrecht, da bereits in den 1960 und 1970- er Jahren je-weils neue Ideen formuliert und damit prinzipiell auch neue Wege erschlossen wor-den waren. Für die Erzählforschung sei lediglich auf Herman Bausingers Überlegungenzum Alltäglichen Erzählen' verwiesen; für die Erforschung materieller Kultur etwa aufKarl- Sigismund Kramers Gedanken Zum Verhältnis von Mensch und Ding und den nichtunproblematischen Terminus Dingbedeutsamkeit². Beides mögen singuläre Ansätzegewesen sein. Sie waren jedoch nicht die einzigen, vor allem dann nicht, wenn man denBlick über die deutschsprachige Forschungslandschaft hinaus schweifen lässt³; und:sie wären durchaus anschlussfähig gewesen, wurden wohl zur Kenntnis genommen,aber nicht konsequent weiterentwickelt. Stattdessen wurde es für einige Zeit relativ stillum die Erforschung materieller Kultur ebenso wie der Erzählkultur. Man könnte auchsagen, die Beschäftigung mit Dingen wie Erzählungen war aus der Mode gekommen,ehe beide in den Jahren vor und nach der Jahrtausendwende erneut- oder besser- wiederum verstärkt Aufmerksamkeit erlangten. Hier zeigt sich noch eine weitere Ge-meinsamkeit beider Forschungsrichtungen: die Rückbesinnung auf sie erfolgte jeweilserst im Gefolge einer noch nicht dagewesenen Konjunktur von Erzähl- und materiellerKultur in anderen sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen.
So gewann das Thema Erzählen in der Europäischen Ethnologie/ Kulturanthropologie/Empirischen Kulturwissenschaft erst wieder Ansehen, nachdem eine Reihe von Fächernvon der Philosophie über die Psychologie zu den Geschichtswissenschaften und denPhilologien das Erzählen gleichsam neu, erfunden hatten und von einem narrative turnsprachen. Ähnliches lässt sich mit Blick auf den material turn beobachten. Seine An-
1
Hermann Bausinger: Strukturen des alltäglichen Erzählens. In: Fabula 1( 1958), 239-254.
2 Karl- Sigismund Kramer: Zum Verhältnis zwischen Mensch und Ding. Probleme der volkskundlichenTerminologie. Otto Höfler zum 60. Geburtstag. In: SAVK 58( 1962), 91-101.
3
4
8
Für die Erzählforschung sei hier etwa weiters auf Arbeiten von Linda Dégh hingewiesen, für dieehemalige Sachkulturforschung auf solche von Édith Fel und Tamás Hofer.
Ingo Schneider: Über das multidisziplinäre Interesse am Erzählen und die Vielfalt der Erzähltheorien.
In: Erzählkultur. Beiträge zur kulturwissenschaftlichen Erzählforschung. Hans- Jörg Uther zum