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Stofflichkeit in der Kultur : Referate der 26. Österreichischen Volkskundetagung vom 10.-13. November 2010 in Eisenstadt
Entstehung
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Materialität als Evidenz.

Dingbeziehungen von Frauen in Psychiatrien um 1900

Monika Ankele

Sehen Sie den grossen Nagel rechts von der Eingangstür? Ich kann jetzt noch kaumhinsehen, und trotzdem brächte ich es nicht über mich, ihn herauszureissen. Ich möch-te mir einbilden, er würde immer dort sein- auch noch nach mir. Manchmal höre ichdie Leute, die nach mir hier wohnen, sagen: Daran muss einmal ein Käfig gehangenhaben." Und das tröstet mich; ich spüre, er ist nicht ganz vergessen.'

Ausgangspunkt des folgenden Beitrages sind Objekte, die von Frauen gestaltet wur-den, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in psychiatrischen Anstalten oder Kliniken desdeutschen Sprachraumes untergebracht waren. Einige dieser Objekte sind im Originalerhalten, andere wurden von den Ärzten fotografisch dokumentiert oder fanden in Formeiner ausführlichen Beschreibung Eingang in die Krankenakten der Frauen. Die Objekteoder Objektdokumentationen gehören heute zum Inventar der Sammlung Prinzhorn inHeidelberg. Diese ist aus einer ehemaligen Lehrsammlung der Psychiatrischen Univer-sitätsklinik Heidelberg hervorgegangen, in der- vermutlich ab 1900- unterschiedlicheErzeugnisse von Psychiatrie patientinnen und-patienten gesammelt wurden. Diese Ob-jekte, Briefe, Zeichnungen, Texte, Notizen und vieles mehr wurden Studierenden derMedizin im Rahmen des psychiatrischen Unterrichts als Anschauungsmaterialien zurVerfügung gestellt. Von ärztlicher Seite erhoffte man sich, anhand dieser Objekte be-stimmte psychiatrische Krankheitsbilder zu erkennen oder Einblicke in dieselben zuerhalten, wie ich an anderer Stelle noch ausführen werde. 1919 wurde der Arzt undKunsthistoriker Hans Prinzhorn( 1886-1933) von der Heidelberger Klinikleitung damitbeauftragt, die bestehende Lehrsammlung zu erweitern. Prinzhorn verfasste gemein-sam mit dem Klinikleiter Karl Wilmanns( 1873-1945) zwei Rundbriefe, die 1919 und1920 an psychiatrische Kliniken, Privatanstalten sowie Heil- und Pflegeanstalten imIn- und Ausland verschickt wurden. In den Briefen baten die beiden Ärzte um Materi-alzusendungen für ihre Lehrsammlung, wobei- wie sie formulierten- hervorragendeEinzelleistungen" genauso erwünscht waren wie jede Art von Kritzelei, auch primitivs-ter Glossar ::: zum Glossareintrag ter Qualität.² 1921 war die Sammlung bereits auf 4.500 Inventarnummern, sprich 4.500Objekte aller Art, angewachsen.³

Im Fokus meines Beitrages stehen, wie erwähnt, Objektdokumentationen wie auch Ob-

1

Katherine Mansfield: Der Kanarienvogel( 1922). In: Dieselbe: Erzählungen und Tagebücher. Zürich1974, 347-353.

2 Rundbrief von Hans Prinzhorn und Karl Wilmanns 1919 und 1920. Archiv der Sammlung Prinzhorn.Zit. n. Bettina Brand- Claussen: Das Museum für pathologische Kunst in Heidelberg. Von den Anfän-gen bis 1945. In: Laurent Busine( Hg.): Wahnsinnige Schönheit. Prinzhorn- Sammlung, Ausstellungs-katalog. Heidelberg 1997, 7-23, hier: 7.

3

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Bettina Brand- Claussen: Geschichte einer verrückten' Sammlung. In: Vernissage. Die Zeitschriftzur Ausstellung 7/9. Jg., 2001, 6-14, hier: 10.