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Reinhard Johler
typen thematisiert, die im 19. Jahrhundert zur zusammengesetzten Reali-tät geworden sind. Denn das Östliche bzw. die NationalbewegungenOst- und Südosteuropas rekurrierten stärker als ihre westeuropäischenVorbilder auf bäuerlichen Fundus und volkskundliche Erfindung. Geradedie angestrengte Ausbildung eines nationalen Symbolhaushaltes ließländliches Erbe in intellektueller Verdichtung in den Vordergrund treten.Die nationalen Eliten Osteuropas formten bei aller inneren Unter-schiedlichkeit 62- Selbstwahrnehmungsbilder, die durch in ganz Europagängige Fremdbilder des„, Ostens“ massiv verstärkt wurden.
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Polen war zwar aufgrund der Teilung ein historisch bedingter Son-derfall; die europäische und insbesondere die österreichische Wahr-nehmung zur Zeit der Jahrhundertwende aber machte es zum ModellfallOsteuropas. Tatsächlich waren denn auch die beiden Salzburger Auffüh-rungen bloẞ Wiederentdeckungen von Vergessenem, doch längstBekanntem. Denn das 1901 uraufgeführte Stück und dessen bereits 1907als 38jähriger verstorbene Autor Stanislaw Wyspianski hatten in Wieneine breite Rezeption gefunden. 1902 etwa hatte Wyspianski, der auchMaler und Kunstgewerbler war, mit Erfolg als Mitglied der KrakauerSezession, der„ Sztuka“, in der„ Wiener Secession“ ausgestellt. Diesverweist auf dichte Kontakte ebenso Wyspianski war Gründungs-mitglied der ,, Wiener Secession"- wie auf eine spezifische Lesart derösterreichischen Intellektuellen. Der Bericht zur Ausstellung( wie auchder Nachruf) stammen vom bereits zitierten Kunstkritiker und Fördererder ,, Wiener Secession" Ludwig Hevesi.63 Berta Zuckerkandl, die demgleichen Umfeld zuzurechnen ist, hatte 1906 in einem Aufsatz über,, Jung- Polen" die künstlerische Avantgarde beschrieben und dabei deut-lich eigene Wunschvorstellungen artikuliert. Im staatlich zerrissenenPolen sei die ,, Sztuka“ angetreten, auf dem„ Gebiete der Heimatskunst"zu wirken, sie verknüpfe ,, am heimatlichen Webstuhl" die künstlerischenFäden ,, zu volklichen Runen“:„ Die‘ Sztuka' steht im Lager der natio-nalen Renaissance, die im Volke ihre Kraft schöpft. Sie geht zumBauern, zum Arbeiter, zu den Einfachen, die der Erde näher sind undderen Höherzüchtung über nationale Ideale hinaus zur Bereicherung des
62 Vgl. Tamás Hofer: Construction of the' Folk Cultural Heritage' in Hungary and RivalVersions of National Identity. In: Ethnologia Europaea 21, 1991, S. 145-170.
63 Vgl. Ludwig Hevesi: Die Krakauer ,, Sztuka". In: Kunst und Kunsthandwerk 11, 1908, S. 107-
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