Druckschrift 
Volkskunst : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1995 in Wien
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

Funktionalisierte Volkskunst

183

,, deutscher Stil", bäuerliche Möbel wurden mit Ideologie befrachtet. DerDiskurs um den Wert der Bauernmöbel erhielt eine neue Dimension.Wiederbelebte Bauernmöbel hatten in diesem Umfeld Konjunktur,konnten zum Anzeiger der, richtigen" Wohngesinnung werden.

Der gesteigerten Nachfrage nach Bauernmöbeln wußte Schoyererbald mit einem entsprechenden Angebot zu antworten. Im Herbst 1934beauftragte er Franz Zell, nachdem er fast zwanzig Jahre keinengeschäftlichen Kontakt mehr zu dem Architekten gehabt hatte, Entwürfefür ein Schlafzimmer im Bauernstil mit Bett, Nachtkästchen, Kleider-schrank und Waschtisch vorzulegen. Beim Modell Zell" genanntenSchlafzimmer ist der Schrank in Brettbauweise mit Stand auf Vierkant-füssen gestaltet. Die vier Türfelder sind zur Bemalung vorgesehen. DasAufsatzbett mit geschweiftem Kopfteil ist in Pfostenbauweise konstru-iert. Der zum Schlafzimmer gehörige Brettstuhl ist mit geschweifterLehne und herzförmigem Griffloch gestaltet. Die Waschtoilette und dasNachtkästchen lehnen sich an schlichte Wohnungseinrichtungen derersten Jahrzehnte des Jahrhunderts an.

Bei der Formgebung der Möbel zielte Zell auf einen imaginärenIdealtyp des Bauernmöbels, der keinen oberbayerischen oder gar ober-pfälzischen Vorbildern folgte, sondern eine allgemeine Vorstellung vomBauernmöbel wiedergab. Die Möbel evozierten Ländlichkeit", ohneeine bestimmte Region oder Zeit nachzuahmen. Zell, dem BernwardDeneke einen Schritt hin zur differenzierenden Wahrnehmung ländlicherSachkultur zuschreibt und der in seinen Schriften darauf hinwies, daß dieMöbel jeder Gegend eine bestimmte Charakteristik haben, stilisierteseine Möbel durch die Verkürzung der Merkmale. Allgemeine Erkenn-barkeit wurde zum Kriterium.

Die Entwürfe Zells gaben nur die Form der Möbel vor, nicht aber dieOberflächengestaltung und das Dekor. Namhafte Künstler, etwa derMünchner Dekorationsmaler Anton Kiesgen oder der PorzellanmalerWilhelm Weid aus Arzberg, erhielten von Schoyerer Blaupausen derEntwürfe mit der Bitte um Gestaltung entsprechender Motive. EtlicheVarianten für die Bemalung des Modells Zell sind im Bestand derFirma Schoyerer erhalten. Neben Kunstmalern aus der Oberpfalz undaus Oberbayern, die sich, so heißt es in ihrer Vita, mit, Schilderungenaus dem Bauernleben einen Namen gemacht hatten und die durch dieVolkskunst- Bewegung der Jahrhundertwende zur Beschäftigung mit