Druckschrift 
Volkskunst : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1995 in Wien
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Eine Geschmacksfrage?

81

einen noch Maßgabe sind, so sind sie für andere Zuflucht zu nostal-gischen Traumwelten oder zu sich selbst, fasziniert von der ehemalskorrumpierten Welt des Ramsches und des Kitsches, von Reklame undFantasy.28 Der jeweils zum Ausdruck gebrachte Geschmack" kanndeshalb nur in Beziehung gesetzt werden, in eine Beziehung, die auf eineinheitliches, durchgehendes Theoriensystem verzichten muß. Für diespätkapitalistischen und postindustriellen Lebensentwürfe und ihre sym-bolischen Ausdrucksformen gilt es jedenfalls, die Symbolik derLebensstile mit anderen Mitteln zu deuten, um sie in ihrer Pluralität( vonder manche Skeptiker behaupten, sie sei eigentlich Indifferenz), in ihrensoziokulturellen Zusammenhängen und Bedeutungen verstehen und ent-schlüsseln zu können. Die Fragen nach Lüge oder nicht Lüge, billigerScheinwelt, Kunst oder Surrogat sind jedenfalls zurückgetreten hinter dieFragen nach den subjektiven Motiven und Gefühlswelten.

Das Phänomen Geschmack ist jedenfalls kein schichtspezifischesmehr, sondern eine sozialpsychologische und analytische Kategorie, diean Stilisierungen verschiedenster Art zu eruieren ist. Es geht auch garnicht mehr um den Geschmack per se, sondern um die Fragen nach derVerarbeitung, der Reaktion und dem Ausdruck jeweiliger Wirklichkeitenauf der Suche nach dem gutem Leben( Dieter Kramer). Darin liegt dasMaß der kreativen Möglichkeiten, die in gesellschaftlichen Prozessenund Zuständen noch freigesetzt werden können, als Indikator für da-hinterstehende Abhängigkeiten und Freiheiten.29

Daẞ nie individuelle Entscheidungen einen bestimmten Geschmackausmachen, sondern dieser immer als kollektive Reaktion und gruppen-spezifische Verarbeitung in eine Zeittypik eingebettet ist und sich auchnur so zum Ausdruck bringen kann, soll einem oft formulierten Miẞver-ständnis der Individualisierung" entgegengehalten werden: Die

28 Ich erinnere an das fast in allen Bereichen der Popkulturen verbreitete Stilmittel Trash, dasurspünglich durch Andy Warhols Factory auch in den intellektuellen Künstlerkreisen populärgeworden ist und nunmehr seit den 90er Jahren( als Reaktion auf die Yuppie- Epoche) mit seinerBegeisterung für alles Wertlose( die Ästhetik der Barbie- Puppen oder Sperrholz- Möbel) sich nurnoch als eine der Spielarten ästhetischen Ausdrucks verstehen kann. Dazu Christa Höllhumer:Zwischen Subkultur und Life- Style. Jugend im Diskurs der Postmoderne. Dipl. Graz 1995.29 Darauf verweisen die volkskundlichen Arbeiten der siebziger Jahre zum Wandschmuck, einemder wesentlichen Paradigmata der Dingwelt des Wohnens: Wolfgang Brückner: Kleinbürger-licher und wohlstandsbürgerlicher Wandschmuck im 20. Jahrhundert. In: Beiträge zur deutschenVolks- und Altertumskunde 12( 1968), S. 35-66; Schilling( wie Anm. 4); Scharfe 1981( wieAnm. 21).