In diesen„ Zweierlei Leben“ gibt es allerdings- sieht man vom divergie-renden Zeitablauf ab- keinen Unterschied in der Existenzform. Der Heldder Geschichte führt ein relativ normales Dasein, wie es auch für denGeistlichen in B4) gelten darf.
Mitunter stoßen wir jedoch auf Texte, in welchen der Kontrast besondersaugenscheinlich wird und etwas Erschreckendes zeigt. Solche Erzählungensind vor allem in Südosteuropa beliebt, wo wir ihnen in verschiedenenVarianten begegnen. Häufig wird von einem Grundmotiv ausgegangen,das mit dem Erzsünder zusammenhängt.
Diese Stoffgruppe steht zwischen Legende, Sage und Märchen; je nach derErzählsituation und ihrer Funktion akzentuiert sie die Gattung betonendeEigenheiten.
„ Der Mann, der 99 Popen tötete" steht bei Ovidiu Birlea in einer relativneuen Aufnahme47) zur Verfügung. Der Text bietet einen besonders inter-essanten Aspekt, da er sozusagen zweierlei Jenseitszeit erkenntlich macht,die am Menschen noch schneller abläuft als am Tier.
Der legendäre Charakter wird durch die Kirche unterstrichen, in der sichdas Wunderbare vollzieht. Der geweihte kirchliche Raum gilt im Bereichdes byzantinischen Christentums oft als„ Einbruch des Jenseits ins Dies-seits", eine Bedeutung, die durch die Funktion der Ikonen noch unterstri-chen wird.
Im Gegensatz zu unseren Märchen, in denen so gut wie nie von Kirchendie Rede ist, spielen sie in Osteuropa eine wesentlich größere Rolle, dochbleibt der Kirchenraum in der Regel dem Diesseits zugerechnet.
In bulgarischen, mazedonischen und aromunischen Varianten unseresStoffes jedoch ist die Kirche- oder auch eine Einsiedelei deutlich derjenseitigen Welt zuzurechnen.
B6) DER MANN, DER 99 POPEN TÖTETE
Es war einmal ein Mädchen in heiratsfähigem Alter, und es geschah, daß eseinen Fehltritt beging. Und so kam sie in andere Umstände und gebar ein Kind,einen Knaben. Sie ließ ihn taufen, und dann- den Taufschein steckte sie in dieWindeln- setzte sie ihn auf einem Bach aus.
Nachdem sie es dem Wasser überlassen hatte, blieb das Holzschaff, in dem dasKind war, endlich an einer Mühle stehen.
Da kommt zufällig der Müller, um die Mühle anzulassen. Er hatte keineKinder. Er nimmt das Kind- ohne seine Mühle anzulassen- und geht zu seinerFrau und sagt:„ He, Frau! Ich habe ein Kind bei der Mühle gefunden. Laẞ esuns aufziehen, denn wir haben ja keine eigenen Kinder!"-„, Gut, Mann. Laẞ esuns aufziehen!"
Das Kind wuchs heran, es wurde achtzehn Jahre alt; damals hatte der Müllerviel Korn und Mais in der Mühle. Und so schickt er den Burschen aus, und derzieht von Dorf zu Dorf, bis er eines Abends in die Ortschaft kam, wo seineMutter lebte.
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