TEXTE UND HINWEISE
Bezeichnen wir im Folgenden das Motiv, wie es in der Legende von RabbiChoni angeschlagen worden ist als Typus A und das Motiv jener Volkser-zählungen, in welchen die Jenseitszeit schneller verläuft als Typus B. Wirwerden dabei sehen, daß in wenigen Einzelfällen Stoffe den Typus wech-seln können.
Es mag paradox scheinen, daß ein Motiv in zwei fast widersprüchlichenZügen erzählt werden kann. Der Grund liegt vielleicht weniger in denbeiden unterschiedlichen Möglichkeiten des Menschen, Zeit zu erfahren,als in der verschiedenen Funktion.
Beim Text von Rabbi Choni wird uns ebenso wie beim Motiv vom entrück-ten Mönch klar, daß es sich um eine Belehrung des Helden handelt. BeimSiebenschläfer- Stoff³) können wir feststellen, daß der fast unveränderteText zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Landschaften abwei-chende Funktionen übernehmen kann.
„ Ein Exempel war wohl zunächst die Vorform der Siebenschläferlegende. Sieerzählt von sieben Jünglingen, die bei Kaiser Decius' Christenverfolgung ineine Höhle bei Ephesos flüchteten, eingemauert werden und sterben. Sieerwachen aber 372 Jahre später wieder zum Leben, und können in einer Zeit,in der man an der Auferstehungslehre zu zweifeln begann, die Auferstehungsichtbar erweisen. Der deutsche Text ist fast gänzlich dem Väterbuch ent-nommen. Schon Jakobus de Voragine hatte sie unter dem 27. Juli und demNamen„ Maximilianus von Ephesus" in seine Legenda aurea( 1270) eingefügt,ihre Wiedererstehung in das Jahr 448 zur Zeit des Kaisers Theodosius
vorverlegt..." 4)
Die hier von Rosenfeld genannte Funktion der Siebenschläferlegende, näm-lich den Auferstehungsglauben zu stützen, ist sicher eine Erscheinung, diedem Stoff erst relativ spät zugewiesen worden ist. Aber was kann dieAusgangsfunktion gewesen sein?
Sehen wir uns zunächst eine Äußerung von Heinrich Günther an:„ Welt-motiv ist die Vorstellung von einem jahre- und jahrhundertelangem Schlafund dem Wiedererwachen in einer veränderten Welt. Sie ist arabisch,mongolisch, indisch- buddhistisch, griechisch, römisch, talmudisch undeinhalbdutzendmal im deutschen Märchen zu belegen; christlich in denSiebenschläfern von Ephesus, in der Klemenslegende und in demverzückten Mönch, den ein singender Vogel ins Paradies lockte. Wenn dieSiebenschläfer richtig gedeutet sind, wird das ganze hübsche Motiv inseiner Entstehung erkannt sein, die allen Völkern gemeinsame Vorstellungvom langen Schlaf als Symbol der Nacht oder der Vorbereitung, inVerbindung mit der ebenso beliebten Vorstellung vom entrückten Helden.Den Anlaß zu der Siebenschläferlegende mag ein Leichen- oderReliquienfund in einer Höhle bei Ephesus gegeben haben. Die ähnlichsteund für die Weiterbildung grundlegende Fassung bietet dieEpimenidessage, die sich um den atheniensischen Sühnepriester vom Endedes 6. vorchristlichen Jahrhunderts bildete. Epimenides war von seinem
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