Druckschrift 
Zauberschlaf und Entrückung : zur Problematik des Motivs der Jenseitszeit in der Volkserzählung
Entstehung
Seite
32
Einzelbild herunterladen
 

Helden herzustellen. Die totale Veränderung der Welt während der über-langen Abwesenheit des Helden hat einen tragischen Akzent, der auch zueinem tödlichen Ausgang der Geschichte führt, weil das Diesseits fremdergeworden ist als das Jenseits erlebt worden war.

Nur in ganz wenigen Texten kehrt der Held nach dem Besuch des Aus-gangspunktes seiner Jenseitsfahrt zurück, verweilt hier kurz_ in derRegel ohne ein ihm auferlegtes Tabu zu brechen- im Diesseits und kehrtdann wieder in seine himmlische" Heimat, in die Feenwelt, zu seinemkosmischen Ehepartner oder Schwager zurück, um nun für immer dort zubleiben.

Das Denken in solchen Zeitdimensionen verkompliziert die Darstellung,irritiert oder überfordert den naiven Zuhörerkreis, und bleibt so eher demBereich der Mythen oder Legenden vorbehalten.

Im allgemeinen bemüht sich das Zaubermärchen, den Zusammenhangzwischen Anfang und Ende zu wahren, es sucht nur eine relative und keinetotale Veränderung der diesseitigen Gegebenheiten.

Wie eine solche geringere Abweichung aussehen kann, soll uns ein libane-sisches Märchen³2) zeigen, das zur Gruppe jener Texte gehört, die sich mitdem Motiv der unschuldig verfolgten Frau beschäftigen.33)

A8) DIE VERFOLGTE FRAU

Man erzählt sich, es waren einmal ein König und seine Frau und noch einKönig und seine Frau. Und während die beiden Männer miteinander befreundetwaren, haben die beiden Frauen einander gehaẞt.

Nun, die beiden Könige hatten nur je ein Kind, der eine besaß einen Sohn undder andere eine Tochter, und so kamen sie überein, ihre Kinder miteinander zuverheiraten.

So geschah es.

Bald darauf sind die beiden Könige zusammen in den Krieg gezogen, von demsie nicht wieder heimkehren sollten. So geht es.

Das junge Paar aber- der Sohn des einen Königs und die Tochter des andern

lebten glücklich und zufrieden miteinander, bis der Vater des Burschen eineBotschaft an seinen Sohn sandte, er solle mit allen Kriegern, die er nochauftreiben könne, ihm nachfolgen.

So zog auch der junge Ehemann in den Krieg.

Und so war nun die junge Frau ihrer Schwiegermutter ausgeliefert, welche dieJunge ebenso haßte, wie sie deren Mutter nicht mochte. So geht es.

Und die böse Königin beschloß, ihrer Widersacherin Schaden anzutun undderen Tochter zu vernichten.

Und was hat sie gemacht? Sie hat falsche Zeugen bestochen, welche aussagenmußten, sie hätten die junge Königin beim Ehebruch beobachtet. Sie hat ihnenGeld gegeben und gesagt: Der Richter wird euch fragen, woran ihr die Jungeerkannt habt, dann antwortet, ihr hättet gesehen, daß sie ein Muttermal aufder linken Brust hat.

32