Druckschrift 
Zauberschlaf und Entrückung : zur Problematik des Motivs der Jenseitszeit in der Volkserzählung
Entstehung
Seite
7
Einzelbild herunterladen
 

DAS JENSEITS- MOTIV

Rabbi Choni quälte sich alle Tage über den Sinn von Psalm 126,1 ab: Als derEwige die Gefangenschaft Sions wendete, waren wir gleich Träumenden".-Ist es denn möglich, sagt er, daß ein Mensch 70 Jahre im Traum sein kann?Eines Tages überkam ihn auf dem Wege der Schlaf; ein Felsstück bedeckteihn und verbarg ihn, und er schlief 70 Jahre. Als er sich gelegt hatte, hatte ereinen Mann einen Johannisbrotbaum pflanzen sehen; wie er erwachte, sah erzu seinem Staunen, wie jener Mann von dem Baume Früchte sammelte. Dafragte er: Bis du es, der den Baum gepflanzt hat?"- Nein, ich bin dessenEnkel."

Darauf ging er nach Haus und fragte: Lebt der Sohn Chonis noch?",, Nein, aber der Enkel lebt noch." Er ging ins Lehrhaus, da hörte er dieRabbinen sagen: Die Halacha ist uns so klar, wie in den Jahren Chonis."Da sprach er: Ich bin es!"

-

Sie aber glaubten es ihm nicht und erwiesen ihm nicht die Ehre, auf die erAnspruch erheben konnte. Da wurde er entmutigt und bat um Erbarmung,daß er sterben möchte.!)

Es ist wohl kein Zufall, daß die oben zitierte Stelle einen Versuch darstellt,Abstraktes in konkrete Handlung umzusetzen, wie wir es auch aus vielenanderen Schriftstellen kennen. Aber es ist dabei interessant, daß es um dieRelativität der Zeit geht und daß dabei das Stichwort Traum fällt. DerMensch erfährt ja in der Tat im Traum am deutlichsten die Zeitverschie-bungen, die Andersartigkeit zeitlichen Ablaufes und die Verzerrung dieser,, 4." Dimension.

Raum und Zeit sind Begriffe, die in Literatur und Volkserzählung eine sehrungleiche Rolle spielen, sobald es nicht um den Normalfall geht sondernum das Jenseitige. Jenseitsraum bleibt dabei absolut als Raum jenseits desErfahrenen und Erfahrbaren ein Spiel der Phantasie; daran ändern auchHilfsterminologien wie Pararaum und Gegenwelt" nichts. Die Relativi-tät der Zeit hingegen ist seit Einstein zumindest eine Chiffre, die sichgraphisch darstellen läßt, und deren Existenz beweisbar scheint. Vielleichtwird sie eines Tages erfahrbar" werden, sodaß die Jenseitszeit Realitätannimmt.

Freilich können wir an dieser Stelle gleich beobachten, daß es einen grund-legenden Unterschied zwischen der Realität der Zeit und dem zeitlichenJenseits der Volkserzählung gibt: im Gegensatz zur ersteren kennt dieVolkserzählung zwei Spielformen des Zeitablaufs im Jenseits: eine schnel-lere Ablaufsfolge gegenüber dem Diesseits und eine langsamere.Beide Zeiterfahrungen entsprechen Beobachtungen, die allgemein mensch-lich sind: medizinische Traumforschung hat ergeben, daß die Träumemeist sehr kurz sind und selten länger als Minuten dauern. Und dochkönnen wir im Traum es so empfinden, als verbrächten wir einen großenZeitabschnitt in diesem Zustand. Andererseits erfahren wir im Zustand

7