schien anders und nicht mehr so wie vorher. Da, wo ein Feld war, standen jetztgroße Bäume und dort, wo man fürs Kloster die besten Kräuter zu sammelnpflegte, lag jetzt eine Wiese.
Nachdem er seinen Weg gesucht, verloren und nun doch wiedergefunden hatte,lief er eilends nach Hause und läutete schließlich an der Pforte des Klosters,das er nicht mehr wiedererkannte. Nach mehrmaligem Läuten kam der Pfört-ner gelaufen.
,, Das ist doch das Kloster Chaumont, nicht wahr?"
,, Wie Ihr sagt, Hochwürden."
,, Seid Ihr der Pförtner?"
„ Ja."
„ Das ist nicht möglich! Wo ist denn der Bruder Hieronymus, der soeben nochda war? Ihr tragt doch gar nicht unser Ordenskleid?"
,, Von welchem Orden sprecht Ihr?"
,, Vom Orden des heiligen Benedikt von Cluny. Wir sind doch Benediktiner.",, Nein, wir sind Franziskaner und ich bin es auch."
,, Franziskaner im Kloster von Chaumont?"
Pater Anselm rieb sich die Augen. Er glaubte zu träumen. Nach einem Augen-blick des Schweigens sagte er:„ Führt mich zum Prior, Jean de Chalençon, zumeinem Prior, der sein Zimmer neben dem meinen hat."
Jetzt glaubte der Pförtner, er habe es mit einem Mann zu tun, der den Verstandverloren hatte, und nur aus Mitleid sagte er:„ Wartet hier, ich werde den PaterSuperior verständigen."
Dieser kam zufällig ins Sprechzimmer und Pater Anselm redete ihn an:„ Ich bin erst vor wenigen Stunden mit der Erlaubnis unseres Priors vomKloster weggegangen, um im Wald spaziern zu gehen, und jetzt ist allesanders, als hätte jemand mit einem Zauberstab die Orte und Leute berührt.Ich erkenne überhaupt nichts mehr wieder. Erst vor kurzem habe ich michhier vom ehrwürdigen Jean de Chalençon getrennt und ich finde ihn ebensowenig wie die übrigen, und man sagt mir, daß Ihr jetzt der Leiter diesesHauses seid."
Der Pater Superior machte genau so große Augen und glaubte wie der Pfört-ner, er habe einen Narren vor sich.
Pater Anselm schilderte jedoch seine Erlebnisse mit solcher Genauigkeit, mitsolcher Logik und Überzeugung, daß dem Superior endlich ein Licht auf-ging und er sich an den Namen Jean de Chalençon erinnerte, von dem PaterAnselm unaufhörlich sprach.
,, Das ist tatsächlich der Name des letzten Priors der Benediktiner vonChaumont, aber dieser heilige Mann ist vor mehr als zweihundert Jahrengestorben und eben nach seinem Tod wurde das Kloster durch eine päpstlicheBulle unserm Orden vermacht."
Nach einer Weile fügte er hinzu:
„ Ich erinnere mich auch dunkel daran, daß ich in den Annalen des Hausesgelesen habe, ein Benediktinermönch namens Anselm, der die Gewohnheithatte, sich tiefen Betrachtungen hinzugeben, sei eines Tages plötzlich ver-
26