umsdorf Trattenbach- Im Tal der Feitelmacher" eröffnet. 8 Taschenfeitel gelten heuteals kleine, billige Souvenirartikel und als Reminiszenz an eine ländliche Kultur mittypisch österreichischem Akzent. Doch unter welchen historischen, sozialen, tech-nischen und mentalitätsgeschichtlichen Zusammenhängen sie seit beinah 500 Jah-ren produziert werden, weiß kaum jemand. Davon aber handelt dieses Museumsdorf,dessen Entwicklung ich über drei Jahre wissenschaftlich begleiten durfte, und in demheute die Einwohnerinnen und Einwohner bei Führungen durch diese kleine Ortschaftin der Nähe der Stadt Steyr diese Geschichte, angereichert mit eigenen Erinnerungenund persönlichen Einschätzungen erzählen.
Das Material der Taschenfeitel bietet uns in diesem konkreten Fall eine reiche Anzahlan Auskunftsquellen: Form und Farbe des Heftes( wie man den Griff eines Messerskorrekt bezeichnet), die Beschaffenheit von Ring und Stift, mit dem Klinge und Heftmit einander verbunden werden, die Form der Klinge, das Messererzeichen, das indiese eingestanzt ist, und die Beschaffenheit der Klinge. All das sind Indizien, die eineDatierung des Objekts relativ leicht gelingen lassen. Anhand einer Liste aller Mes-sererzeichen, die jeweils zum Eigentum eines Hauses- und nie zu dessen jeweiligenInhaber gehörten, kann man noch heute recht genau angeben, in welchem Hausein Messer produziert wurde( obwohl es auch dabei Lug und Trug, Zeichendiebstahlund Verwechslungen gegeben hat). Doch hier geht es um mehr als um die korrekteZeit- und Ortsangabe eines Objektes. Dazu möchte ich aus diesem reichlichen Quel-lenangebot nur eines herausgreifen: Die Beschaffenheit der Klinge- wobei nicht dergegenwärtige Zustand gemeint ist, denn Rost ist so trügerisch wie die Falten im Ge-sicht eines alternden Menschen.
-
Die Geschichte dieser Messer- und damit ihrer Produzenten- lässt sich fühlen, so-fern die Gelegenheit besteht, Taschenfeitel aus verschiedenen Epochen der letzten160 Jahre anzugreifen. Man lasse nur einfach die Finger vom Rücken der Klinge zurSchneide gleiten. Die einen sind ganz glatt, bei manchen aber spürt man eine kaummerkliche Wölbung und konische Abflachung der Klinge. Genau in dieser leichten Er-hebung verbirgt sich eine technische Revolution, die die Messerer von Trattenbach alsAntwort auf das Aussterben der Handwerksbetriebe in der österreichischen Eisenwur-zen seit den 1860er Jahren eingeführt hatten. Vor dieser Zeit, also vom frühen 16. biszur Mitte des 19. Jahrhunderts, wurden diese Messer aus kohlenstoffreichen Schar-sachstahl mit dem Fausthammer im Feuer geschmiedet. Solche Taschenfeitel findensich in allen besseren volkskundlichen Sammlungen Österreichs. Mit der Aufhebungder Zünfte und dem neuen Gewerberecht des Jahres 1858 drohte den TrattenbachernKonkurrenz aus dem Ausland, ebenso fürchteten sie die industrielle Großproduktion
8 Weiterführend: Gerald Rettenegger u. Helmut Daucher: Auf des Messers Schneide. Trattenbach.Bilder vom Überleben des Eisengewerbes auf dem Lande. Weitra 1994; Eva Kreissl: Die Messerervon Trattenbach. Ein kurzes Lehrstück über Sippenwirtschaft, Ungleichzeitigkeit und örtlichen Ei-gensinn. In: Heimat Eisenwurzen, Beiträge zum Eisenstraßensymposion in Weyer. Steyr 1997; EvaKreissl: Trattenbach. Im Tal der Feitelmacher. In: Stieber, Julius( Red.): Land der Hämmer. HeimatEisenwurzen. Katalog zur Oberösterreichischen Landesausstellung 1998. Salzburg 1998.
⁹ Siegfried Wlasaty hat die Verbindung aller Messererzeichen mit deren Zugehörigkeit zu denjeweiligen Werkstätten über Jahrhunderte hinweg detailgenau in seiner Hausarbeit aus Geschichte..Die Scharsachschmiede von Trattenbach" an der Universität Innsbruck 1963 hergestellt.
151