Aber auch jenseits der kleinen privaten Kollektionen, welche den eigenen zurückgelegtenLebensweg in die Gegenwart retten helfen, wurde und wird die Tradition der SchöneckerZigarrenindustrie wach gehalten: Etwa spielerisch- ironisierend und vermutlich erstmalsauf dem Festumzug zum 600. Jahrestag der Stadterhebung im Jahre 1970, später im al-ten und schließlich, seit Juli 2005, im neuen Museum der 5000- Einwohner- Gemeinde,welches seitdem- das Alleinstellungsmerkmal betonend- nicht mehr als Heimatmuse-um, sondern als Zigarrenmuseum firmiert, wiewohl dort auch andere Facetten der Stadt-geschichte thematisiert werden.
Historische Museen seien, so hat Konrad Köstlin in anderem und dennoch nicht unver-wandtem Zusammenhang geschrieben,„ Orte, in denen die überlebenden Vertreter einersterbenden Kultur von ihrer Herkunft erzählen". Zugleich aber seien Museen auch„ Orte,in denen abgelegte und ausgelebte Kultur deponiert wird." ⁹ Darüber hinaus setzt Köstlindas Museum mit der stabilitas loci in Verbindung und macht deutlich, dass der Einrichtungvon Museen das Moment der dauerhaften Sesshaftigkeit zueigen sei, weil nur jene einMuseum errichten, die am Ort zu bleiben beabsichtigen oder ihre dauerhafte Präsenz vorOrt reklamieren. 10 Diese Überlegungen sind hier insofern von Relevanz, als sie deutlichmachen, wie im Aspekt des Musealen- wie auch im gesamten Spektrum der offiziellenoder privaten Sammlung und Pflege historischer Erbgüter- Vergangenheit, Gegenwartund Zukunft miteinander in Beziehung stehen: Ausgestellt, gepflegt und erzählt wird, wasalt ist, was im gegenwärtigen Alltag normalerweise keine Rolle mehr spielt. Ausgestelltund gepflegt wird, was überwunden und passée ist, was aber auch dann als das Eigenebetrachtet wird, wenn die eigene Biographie mit den ausgestellten Gegenständen oderden dargetanen Erzählungen nicht unmittelbar in Verbindung zu bringen ist. Ausgestelltund präsentiert wird also das, was einen nennenswerten Teil der Bevölkerung am Ortbeschäftigt hat, was dem Ort sein spezifisches Gepräge gab- Gegenstände die mithindas Leben derer zu( re) konstruieren helfen sollen, die als die vorangegangene( n) Gene-ration[ en] der heute am Ort lebenden Sozietät begriffen werden. Eine solche auf das Erberekurrierende Identitätspolitik mittels musealer Inszenierungen und Erlebnis- Café mitThemenbezug zielt freilich- zumindest auf den ersten Blick- darauf ab, den Ort für Be-sucher attraktiv zu machen und ihn nach außen zu vermarkten. Auf den zweiten Blick aberdient diese Erbe- Pflege auch- und dies ist mindestens so wichtig wie die Repräsentationnach außen einer Identitätspolitik im Inneren der kleinen Stadtgemeinde. Stellt mannämlich in Rechnung, dass Schöneck- wie viele andere ostdeutsche Städte und Gemein-den nach der politischen Wende von 1989/90 einen immer noch anhaltenden Prozessder Deindustrialisierung, verbunden mit steigenden Erwerbslosenzahlen, Abwanderungvon Einwohnern und downsizing- Spirale¹¹ durchlaufen hat, so wird die Erbe- Pflege, ins-
9 Konrad Köstlin ,: Versuchte Erdung. Oder: Der„ jüdische Beitrag zur Wiener Kultur. In: Raphael,Freddy( Hg.):... das Flüstern eines leisen Wehens..." Beiträge zu Kultur und Lebenswelt europäi-scher Juden, Konstanz 2001, 451-465, hier: 456.
10 Ebd.
11 Mit dem in vielfältigen Kontexten verwendeten englischen Terminus downsizing, wörtlich übersetztVerkleinerung", wird in betriebswirtschaftlichen Kontexten eigentlich die Verringerung von Aus-gaben bei gleich bleibender Produktionsleistung verstanden. Auch die Verkleinerung von Betriebendurch Abstoẞung von unwirtschaftlichen oder minder rentablen Betriebsteilen kann damit gemeintsein Gesundschrumpfen"). Inzwischen indessen wird der Begriff im Deutschen gerne zur Anwen-
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