Bei dem nun folgenden Beispiel geht es weniger darum, sich einer anderen Person zuvergewissern, als vielmehr darum, sich seiner selbst zu vergewissern. Es handelt vonder Aneignung des Selbst am Gegenstand", 25 wobei der Gegenstand auch in diesemBeispiel die Funktion übernahm, Evidenz zu erzeugen.
..Agnes Richter. Dem[ entia] Prae[ cox]. Nähte in alle Wäsche und Kleidungsstücke Er-innerungen aus ihrem Leben." Mit dieser auf einer kleinen Karte versehenen hand-schriftlichen Notiz wurde in den 1920er Jahren ein selbst genähtes Jäckchen in dieLehrsammlung der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg aufgenommen, dasseine Besitzerin- die Näherin Agnes Richter- während ihrer Unterbringung in derHeil- und Pflegeanstalt Hubertusburg mit zahlreichen biografischen Informationen undErinnerungen bestickte. Als Agnes Richter 1895 als Patientin in die sächsische Heil-und Pflegeanstalt Hubertusburg aufgenommen wurde, war sie 51 Jahre alt, unverhei-ratet und kinderlos. Sie hatte nach ihrer Schulzeit einige Jahre als Hausmädchen inAmerika gearbeitet, bevor sie nach Dresden zurückkehrte und eine Stelle als Näherinannahm. 1895 wurde sie schließlich in die Anstalt Hubertusburg eingewiesen, in der sie1918 starb.26
Das Jäckchen, das Agnes Richter hinterließ, ist aus grauem Anstaltsleinen genäht, wiees damals in vielen Psychiatrien für die uniforme Anstaltskleidung der Patientinnen undPatienten verwendet wurde. Berücksichtigt man diesen Umstand, so gibt schon alleindie farbige Bestickung des Jäckchens der Trägerin ein Stück Individualität im normie-renden und uniformen Anstaltsalltag zurück und macht diese nach außen hin sichtbar.Aber nicht nur die formale, sondern auch die inhaltliche Gestaltung des Jäckchens istbezeichnend. Wie aus dem beigelegten Kärtchen hervorgeht, handelt es sich bei demauf der Jacke in deutscher Kurrentschrift verfassten Text um Erinnerungen. Doch dieZeit hat ihre Spuren in dem textilen Material hinterlassen, und so können heute nurmehr einzelne Wörter oder Wortgruppen entziffert werden, wie beispielsweise jenes,, Text- Ich", das sich als ein Besitzendes ins Zentrum rückt, wenn zu lesen ist„ meineJacke", meine Strümpfe“,„ mein Kleid",„ ich",„ ich bin",„ ich habe",„ ich hatte",„ ichheute Fräulein"„ ich nicht". Mit Textteilen wie„ benachrichtigt mich",„ dich" oder„ dumußt nicht scheint sich Agnes Richter an eine Adressatin oder einen Adressaten, mög-licherweise im Sinne eines inneren Dialogs- auch an sich selbst zu wenden, ist dochder Großteil der Schrift nur auf der Innenseite des Jäckchens lesbar und damit demKörper der Trägerin ganz nahe:„ mehr zur Selbstvergewisserung als zur Demonstra-tion", merkte die Kunsthistorikerin Viola Michely bezogen auf das Jäckchen von AgnesRichter an. 27 In diesem Sinne scheint das Objekt- sprich das Jäckchen das Subjekt- sprich die Patientin- in der Gegenüberstellung zu versichern:„ Das erinnernde Ichbeugt sich gleichsam über die Geschichte seines Selbst und versichert sich in diesem
-
25 Gert Selle u. Jutta Boehe: Leben mit den schönen Dingen- Anpassung und Eigensinn im Alltag desWohnens. Hamburg 1986, 247.
26 Vgl. Agnes Richter( 1844-1918): Krankenakte der Landes- Heilanstalt Hubertusburg bei Wermsdorf,Königreich Sachsen, Fotokopie in der Sammlung Prinzhorn, Original im Sächsischen StaatsarchivDresden Nr. 5906.
27 Viola Michely: Agnes Richter. In: Bettina Brand- Claussen u. Dies.( Hg.): Irre ist weiblich. Künst-lerische Interventionen von Frauen in der Psychiatrie um 1900. Heidelberg 2004, 146.
44