Druckschrift 
Stofflichkeit in der Kultur : Referate der 26. Österreichischen Volkskundetagung vom 10.-13. November 2010 in Eisenstadt
Entstehung
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..Vor 6 Tagen hat Frau Detzel aus Segeltuch und Seegras eine lebensgroße Puppe ge-macht und diese an das vor die Lampe angebrachte Drahtgitter gehängt. Nachts seienKerle in ihrer Zelle gewesen, die hätten die Sache gemacht und kämen bald wieder, umdann sie( Patientin) aufzuhängen. Deshalb wäre es am besten, sie hänge sich selbst.Wolle man sie vor sich selbst schützen, dann müsse man sie in den Wachsaal legen." 13

Dieser Eintrag vom 20. April 1914 findet sich in der Krankenakte von Katharina Detzel,die zu diesem Zeitpunkt 41 Jahre alt und seit Februar 1908 in der Anstalt Klingen-münster untergebracht- gemeinsam mit der eben beschriebenen männlichen Stofffi-gur in der Anstalt fotografisch abgelichtet wurde. Die Fotografie findet sich heute in derSammlung Prinzhorn in Heidelberg. Stolz und mit entschlossenem Gesichtsausdruckhält Katharina Detzel auf diesem Foto die männliche Figur den Betrachterinnen und Be-trachtern entgegen. Die näheren Umstände- wie es zu dieser Fotografie kam und wersie aus welchen Gründen anfertigte- sind nicht bekannt. Liest man den zuvor zitiertenEintrag in der Krankenakte und betrachtet das Foto, so drängt sich die Frage auf, auswelchen Gründen und unter welchen Umständen Katharina Detzel diese so seltsam an-mutende, lebensgroße Figur gestaltete? Einige weiterführende Hinweise finden sich inder Krankenakte, die auch einen vergleichsweise guten Einblick in den Alltag von Kat-harina Detzel in der Anstalt sowie in ihr Tun und Handeln an diesem Ort gibt. Immerhinverbrachte Katharina Detzel 18 Jahre als Patientin in der Anstalt Klingenmünster. IhrWeg durch die Institutionen begann 1907, als die zweifache Mutter wegen Abtreibungder Leibesfrucht", versuchter Brandstiftung", versuchter Eisenbahntransportgefähr-dung", Unterschlagung und Urkundenfälschung" in Untersuchungshaft kam.14 Dort,, fiel sie bald", wie in dem Fragebogen zu ihrer Einweisung in die psychiatrische Anstaltvermerkt wurde, durch ihre Briefe auf, in denen sie in ironischer Weise ihre Lage unddie gegen sie getroffenen Maßnahmen besprach". Vom Untersuchungsgefängnis wurdeKatharina Detzel 1907 in die Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Merzig und einige Monatespäter in die dritte Verpflegungsklasse der Kreisirrenanstalt Klingenmünster überwie-sen. 1926 gelang Katharina Detzel die während ihrer Unterbringung bereits mehrmalsangekündigte Flucht aus der Anstalt. In einem Schreiben von 1931 an die Anstaltslei-tung bat Detzels Tochter um das Ausstellen einer rückwirkenden Bestätigung, der zuentnehmen sei, dass ihre Mutter, Katharina Detzel, die Anstalt freiwillig verlassen habe.Ihre Bitte begründete Detzels Tochter damit, dass der weitere Lebensweg ihrer Mutternach der Flucht nicht zu sehr erschwert" werde. 15 Am 5. Januar 1931 wurde ihr dieBestätigung ausgestellt. 1940 wurde Katharina Detzel in die Anstalt Andernach einge-wiesen. Wie von der Sammlung Prinzhorn in Erfahrung gebracht werden konnte, wur-de Katharina Detzel Opfer der nationalsozialistischen T4- Aktion, der systematischen

13 Katharina Detzel( 1872-?): Krankenakte der Kreis Irren- Anstalt Klingenmünster, KönigreichBayern, Fotokopie in der Sammlung Prinzhorn, Original in der Pfalzklinik Landeck Nr. 2554, Eintragvom 20.04.1914.

14 Vgl. Ebd... Fragebogen zur ärztlichen Untersuchung Detzel Katharina geb. Bebing[...] welche zurAufnahme in die Kreisirrenanstalt Klingenmünster vorgeschlagen werden soll", Merzig, den 30. Juli1908.

15 Ebd. Schreiben von Karla Staudinger geb. Detzel an den Direktor der Anstalt Klingenmünster vom02.01.1931.

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