Völkerkunde kann hier nicht weiter verfolgt werden. 10 Aber wichtig war es zu zeigen,dass Michael und Arthur Haberlandt eine gemeinsame europäische Dingkultur- eine... Alt- Europa" verbindende primitivistische Dingwelt vor Augen hatten.11 Diese zeig-
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te sich für sie und wurde so auch im genannten Buch abgebildet bzw. im Museumausgestellt in Ackerbaugeräten und Spinnrocken, in Trachten und Kinderwiegen, inHausformen und Bratspießen.
Es ist an der Zeit, diese Sammlung einer„ alt- europäischen" Dingkultur in ihrer Aus-wahl, ihrer Systematik, ihrer Materialwertigkeit und Symbolik näher zu betrachten.Aber es lohnt sich noch mehr, einer anderen Spur zu folgen. Der ungarische Volks-kundler Antal Herrmann hatte in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts die Notwendig-keit der Etablierung einer multi- ethnischen ungarischen Völkerkunde damit begründet,dass sich zunehmend auch in Ungarn„ Kultur- Europa" durch gesetzt habe. Herrmannmeinte damit, was Michael Haberlandt als das„ neuere Europa" bezeichnet hatte: dasEuropa der Zivilisation und des Fortschritts, das Europa der Technik und der Städte,das Europa des freien kapitalistischen Marktes, das mit seinen Waren die altertümlichbunte Dingkultur„ Alt- Europas"- so etwa die ländlich- bäuerliche Volkskunst- zu zer-stören begann.12
In den Augen der Volkskundler- über deren Europa- Verständnis wir freilich noch vielzu wenig wissen 13- war das„ neuere Europa" des ausgehenden 19. Jahrhunderts einüber- mächtiger kultureller„ Gleichmacher", der die Vielfalt„ Alt- Europas" ein Endebereitete. Wir wissen heute nicht zuletzt durch die Untersuchungen von Hartmut Ka-elble, dass diese Interpretation nicht richtig war, denn die Industrialisierung und derkapitalistische Markt haben im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert diebestehenden kulturellen Unterschiede in Europa nicht reduziert, sondern sogar deut-lich erhöht.14 Aber die sich zeigenden vielfältigen inhaltlichen Analogien zum„ neuestenEuropa"- zur aktuellen EU- sind trotzdem ausgesprochen auffallend und höchst signi-fikant. Wenn es im Folgenden daher primär um die EU und deren Dingkultur gehen wird,
10 Vgl. dazu: Reinhard Johler: Auf der Suche nach dem„ anderen" Europa: Eugenie Goldstern und dieWiener„ Völkerkunde Europas". In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde LIX/ 108, 2005, 151-164.11 Zum europäischen Primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag Primitiven vgl. Reinhard Johler: Konjunktur und Krise des( volkskundlichen]Primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag Primitiven. Warburg- Weltkrieg- Wien. In: Gottfried Korff( Hg.): Kasten 117: Warburg, Krieg undAberglaube(= Untersuchungen des Ludwig- Uhland- Instituts für Empirische Kulturwissenschaft,105). Tübingen 2007, 165-179.
12 A. Herrmann: Zur Völkerkunde Ungarns. In: Correspondenz- Blatt der deutschen Gesellschaft fürAnthropologie, Ethnologie und Urgeschichte XX, 1889, 203-204.
13 Ich bin diesem volkskundlichen Europa- Verständnis erstmalig nachgegangen in: Ach Europa! ZurZukunft der Volkskunde. In: Gudrun König, Gottfried Korff( Hg.): Volkskunde 00. Hochschulreformund Fachidentität. Hochschultagung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde in Tübingen, 9.- 11.November 2000(= Studien& Materialien, 20). Tübingen 2001, 165-180; vgl. zudem: Martin Walgen-bach: Die Dimension„ Europa". Eine historische Diskursanalyse der Volkskunde/ Europäischen Eth-nologie. Würzburg 2010; Friedemann Schmoll: Das Europa der deutschen Volkskunde. Skizzen zuInternationalisierungsprozessen in der Europäischen Ethnologie des 20. Jahrhunderts. In: ReinhardJohler, Max Matter u. Sabine Zinn- Thomas( Hg.): Mobilitäten. Europa in Bewegung als Herausfor-derung kulturanalytischer Forschung. 37. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde inFreiburg im Breisgau vom 27. bis 30. September 2009. Münster u.a. 2011, 425-434.
14 Hartmut Kaelble: Eine europäische Gesellschaft. In: Gunnar Folke Schuppert, Ingolf Pernice, UlrichHaltern( Hg.): Europawissenschaft. Baden- Baden 2005, 299-330, hier: 302ff.
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