breit getreten, so doch zunehmend beschritten wurden¹¹. Zehn Jahre später umschriebGudrun König als eine der prononciertesten Vertreterinnen eines neuen Zugangs zuden Dingen ihren Ansatz wie folgt:„ Die Analyse materieller Kultur", bezeichne„ einePerspektive auf Kultur und nicht nur einen exakt abgrenzbaren Gegenstandsbereich;sie geht über das Identifizieren und Inventarisieren von dreidimensionalen Spuren undRelikten hinaus und zielt mit Hilfe des Interpretierens auf das Verstehen von kulturellen( Aus- Prägungen.[...] Sie nutzt die Dinge als Türöffner für die Dechiffrierung histori-schen und gegenwärtigen Alltagslebens." 12 Dass es der Erfahrungs- und Alltagswis-senschaft Volkskunde nicht um die Dinge selbst, sondern ihren Erkenntniswert für dieAnalyse des Alltags geht, ist zwar nicht neu. Dennoch war es wichtig, das in dieserprogrammatischen Deutlichkeit einmal zu formulieren.
Materialität als, äußere Kultur
Einen Schritt weiter und über die Dinge hinaus ging Martin Scharfe im Kontext seinerlangjährigen Arbeit an einer Theorie der Kultur, die er auf der Basis der Popper'schenErkenntnistheorie der Drei Welten entwickelte. In seinen 1996 erschienenen AufsatzRehabilitierung der Dinge plädierte er dafür, dass unser Fach, wenn es sich als kritischeKulturwissenschaft verstehe und Kulturanalyse als übergreifende Aufgabe anerkenne,nicht umhin könne, sich auf Welt 3, mithin auf kulturelle Objektivationen, auf materielleKultur als oberstes Forschungsobjekt zu konzentrieren. 13 Einige Jahre darauf hatte erdiesen Gedanken weiterentwickelt. Auf der Tübinger Tagung Alltagsdinge argumentier-te er gegen eine Aufspaltung von geistiger und materieller Kultur, gegen die Vorstel-lung, es gäbe... das Geistige oder die Kultur jenseits des Materiell- Stofflichen" 14 undtrat grundsätzlich für die Materialität aller Kultur ein:„ Es gibt Kultur nicht ohne Ma-terialität; mithin ist alle Kultur materiell." 15 Während man dem ersten Teil dieser For-mulierung ohne Einschränkungen zustimmen kann, würde ich beim zweiten ergänzen:alle Kultur ist auch materiell oder: sie ist nur in materialisierter Form sicht-, hör- odergreifbar, oder noch einmal anders formuliert: sie muss sich materialisieren.Folgen wir der Argumentation Martin Scharfes noch ein Stück weiter. Scharfe stütztesich auf eine Überlegung Martin Heideggers über die Verzahnung des Stofflich- Materi-ellen und Geistigen bei Kunstwerken. Jedes künstlerische Werk benötige, so Heidegger,nicht nur eine stoffliche Basis; vielmehr sei das Werk als geistiges Produkt bereits imStoff als Möglichkeit angelegt. Diese Zusammenhänge träfen nach Scharfe aber nicht
11 Vgl. dazu auch Gudrun M. König( Hg.): Alltagsdinge. Erkundungen der materiellen Kultur. Tübingen2005( Studien und Materialien, Bd. 27).
12 Gudrun König: Auf dem Rücken der Dinge. Materielle Kultur und Kulturwissenschaft. In: KasparMaase u. Bernd Jürgen Warneken( Hg.): Unterwelten der Kultur. Themen und Theorien der volkskund-lichen Kulturwissenschaft. Köln, Wien, Weimar 2003, 95-118, hier: 97.
13 Martin Scharfe: Rehabilitierung der Dinge. In: Bayerische Blätter für Volkskunde 2( 1996), 129-141.14 Martin Scharfe: Signatur der Dinge. Anmerkungen zu Körperwelt und objektiver Kultur. In: GudrunM. König( Hg.): Alltagsdinge Erkundungen der materiellen Kultur. Tübingen 2005( Studien undMaterialien, Bd. 27), 93-116, hier: 94.
15 Ebd.
16 Martin Heidegger: Der Ursprung des Kunstwerks( 1935/36). Mit einer Einführung von Hans- GeorgGadamer. Stuttgart( 1960) 2001, 9. Zit. nach Martin Scharfe( wie Anm. 12), 94.
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