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2 (1886) Der schweizer Holzstyl : in seinen cantonalen und constructiven Verschiedenheiten vergleichend dargestellt mit Holzbauten Deutschlands. 2(1886).
Entstehung
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Wohnhaus in Jenaz

( Tafel 11.)

Das Prättigau, das Alpenthal der Landquart, steht mit demRheinthal durch die schmale Felsenpforte der Klus in Verbindung undvermittelt in klimatischer und landschaftlicher Hinsicht die hochalpigeWelt Graubündens mit den breiten Stromthälern des Flachlandes.

Die Bewohner, welche noch bis ins 14. Jahrhundert romanischsprachen, sind mit der Zeit germanisirt und durchaus protestantischerKonfession. Sie hatten während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts,zur Zeit des dreissigjährigen Krieges für ihren Glauben wie für ihrepolitische Unabhängigkeit vielfache Kämpfe zu bestehen.

In Folge der dabei stattgefundenen Verheerungen sind uns nurwenige Spuren von der ältesten Bauart in diesem Thale erhalten. Wirerkennen aus denselben, dass in den ältesten Zeiten der allemannischeStänderbau hier noch angewandt, nach dem dreissigjährigen Kriegeaber vollständig durch den Blockbau verdrängt wurde, indem wir mitAusnahme vereinzelter steinerner Patrizierhäuser, von dieser Zeit analle Wohnhäuser und Stallungen entweder aus ganz runden oderviereckt beschlagenen Blockbalken erbaut sehen. Diese Blockhäuser,welche im wesentlichen ihren Karakter bis auf den heutigen Tagbeibehalten haben, weichen, abgesehen von der allgemeinen schweize-rischen Grundrissanlage, in vielen Beziehungen ganz eigenartig vondenen anderer Kantone ab. Wohl aber verdienen sie unsere besondereAufmerksamkeit dadurch, dass sie einige wichtige Vorzüge mit demvollendeten Berner- Oberland- Stil gemein haben.

BRANNTWEINBRENNEREI

KABINET

KÜCHE

*

HAUSFLUR EINGANG

WOHNZIMMER

OBSTDÜRRE

nungen religiöse Inschriften in deutscher Sprache ins Holz eingerissenund dann die Buchstaben in gothischen oder lateinischen Zügen aufweissem Grunde sehr zierlich schwarz gemalt wurden.

Die Wirkung dieser weissen Schriftbänder über den Fenstern wurdedurch ebenso breite Bänder von bunten Kreisornamenten sowohl ober-wie unterhalb noch gehoben, sodass die ruhige Horizontallinie vor-herrscht.

Die Farben blau, roth, weiss und schwarz, zuweilen auch gelb,violett und grün spielen dabei ihre Rolle auf der gleichen Zeichnungdes Ornamentes, bei verschiedenen Häusern auch in verschiedenerOrdnung.

Bei den aus ganz runden Blockbalken erbauten Wohnungen istdoch allemal das oberste Giebeldreieck aus beschlagenem Holze con-struirt, um die Namen des Bauherrn, des Zimmermeisters und dieJahreszahl darauf malen zu können.

Die Tafel 11 zeigt einen Theil der Giebelfronte von einem Hausein Jenaz aus dem Jahre 1805 nebst den zu derselben Zeit darauf an-gebrachten Malereien.

Die starken Brettschindeln des Daches ruhen auf dichtschliessen-der Verschaalung und sind hier wie in den Urkantonen reihenweiseund je den Fetten entsprechend mit schweren Steinen belastet.

Bei diesem erst im Anfange unseres Jahrhunderts erbauten Hausegehen abweichend von der noch kurz zuvor üblichen Bauweise alleBlockwände von 16 cm Stärke in senkrechter Flucht ohne Curtge-simse, wie auch ohne Vorsprünge der Etagen durch, so dass auch diedielentragenden Blockbalken nur eine Verstärkung der Höhe nachzeigen.

Der Grundriss Fig. 39 wiederholt mit Anlage eines ungewöhnlichbreiten Hausganges die allgemeine schweizerische Einrichtung.

In der schmalen Seitenlaube, Tafel 11, steht ein senkrechterPfosten, welcher sich in seinen beiden Endzapfen drehen lässt, sodassdie an ihm befestigte 1 m breite und 3 m lange Bretttafel nachaussen gedreht werden kann, um die darauf gelegten Kirschen in derSonne zu trocknen.

Eine solche, mit dem Namen Toure- Dörre bezeichnete Vorrichtunghaben wir in Fig. 40 von einem andern Hause zu Jenaz hier in zweiLagen jener Bretttafel dargestellt, wo nach der Zeichnung links dieKirschen von den Giebelfenstern aus aufgelegt und rechts in derSonne getrocknet werden.

dm

10

°

10 Meter.

1: 200

Fig. 39

Dazu kömmt, dass sich die Malereien auf einigen Blockhäusernaus dem Ende des vorigen und Anfange dieses Jahrhunderts unterdem Schutz des weit ausladenden Daches gut erhalten haben.

Diese Malereien zeigen den romanischen Ursprung durch die dabeibevorzugten Kreis- und stilistischen, nicht unmittelbar von der Naturentliehenen Formen.

Die braunrothe natürliche Farbe der Rothtanne herrscht hierbeials Grundton vor und die sehr sparsamen Malereien dienen nur zurHervorhebung der Inschriften oder zur Belebung der 1,2 m breitenUnterschichten des Giebeldaches und seiner stützenden Fettenköpfe.

Die treue Anhänglichkeit der Prättigauer an ihren evangelischenGlauben bewährte sich auch in den Friedenszeiten, wo der wachsendeWohlstand die Baulust weckte und an den Giebelfronten der Woh-

Fig. 40.

Diese kleinen wilden Kirschen, welche dort wie auch in derGegend von Chur mit Vorliebe cultivirt werden, erlangen mit derReife eine grosse Süssigkeit und bilden getrocknet einen ansehnlichenHandelsartikel.