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der Stadt und zur Chiffre für die neue Geschichtskultur im Ruhrgebiet zu erklären? 52Im Jahr 2007 wurde ein Neubau des Essener Stadtarchivs beschlossen und gleich-zeitig dessen Umstrukturierung zu einem Haus der Essener Geschichte.„ Als äußereVerkleidung für die hinterlüftete Fassadenkonstruktion haben sich die Architektenmit deutlichem Bezug zum postindustriellen Wandel für kontrolliert rostende Cor-ten- Stahlplatten entschieden". So erklären die Architekten Scheidt und Kasprusch:..Das sich stetig ändernde Material steht für den Wandel der Zeit und wirkt gleich-zeitig bewahrend". 53 Eben diese Materialgeste des rostenden Stahls spiegelt den ge-schichtskulturellen Umgang mit der industriellen Vergangenheit im Ruhrgebiet: dieHistorisierung der Industrielandschaft und die neue Nutzung ihrer patinierten archi-tektonischen Hüllen. Die neuesten Diskussionen um einen Realschul- Erweiterungs-bau im bayrischen Vöhringen zeigen, dass ein solches materialästhetisches Konzeptbeileibe nicht überall aufgeht, sondern standort- und traditionsgebunden ist. Für dieVöhringer Realschule hatten sich die Architekten Mühlich, Fink und Partner- wieschon die Architekten der West- Berliner„ Rostlaube" der FU und des Essener„ Hau-ses der Geschichte"- für den schnell korrodierenden Cor- Ten- Stahl entschieden,stießen in der Kommunalpolitik aber auf heftige Ablehnung. In der Lokalpresse hießes dazu: Während Landrat Erich Josef Geßner- wenn auch erst auf den zweiten unddritten Blick- mit dem Material sich hätte anfreunden können, handelte sich Fink imCSU- Lager weitgehende Ablehnung ein. Für Kreisrat Franz Clemens Brechtel, in ei-nem Vöhringer Teilort wohnend, war klar, wie die Bevölkerung die Schule nennen wür-de: Rostlaube. Seiner Vorstellung nach sollte Schule einladend wirken- und diesesMaterial erfülle dieses für ihn wichtige Kriterium nicht.[...] Das Thema Rost stehe fürVergänglichkeit und sei als Material eher für Friedhöfe geeignet.[...] Annette Neulist( Bündnis 90/ Die Grünen) sähe kein Problem mit Rost und Stahl, wenn es sich um einKunstobjekt handelt..Aber für eine Schule?'- für sie lautet die Antwort eher, Nein'". 54
Auch die Materialästhetik von Architektur ist an die Plausibilität des Ortes und seinerspezifischen Traditionen gebunden. In diesem Sinne kann sie das kulturelle Imaginäreder Stadt spiegeln und mit hervorbringen. Das poröse und morbide Neapel, das ewigeund historisch geschichtete Rom, das Ruhrgebiet im Strukturwandel- alle diese Bei-spiele zeigen etwas von dem, was Materialität der Stadt auch sein kann: nämlich einProdukt aus Steinen und Geschichten, materiellen Oberflächen und urbanen Mytholo-gien. Wenn Alexa Färber neuerdings- unter anderem im Rückgriff auf Bruno Latour-von der„ Greifbarkeit der Stadt" spricht, dann zielt sie auf eine neue Aufmerksamkeit
52 Zur Entwicklung des geschichtskulturellen Diskurses im Ruhrgebiet seit ca. 1970 vgl. JensWietschorke: Von der Industriekultur zur Kulturindustrie? Historische Identität und regionale Re-präsentation im Ruhrgebiet. In: Rheinisch- Westfälische Zeitschrift für Volkskunde 55. Jg., 2010,23-46.
53 Roste wohl, Ruhrgebiet. Haus der Essener Geschichte fertig, online verfügbar unter: http: // www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Haus_der_Essener_Geschichte_fertig_936009.html( Zugriff am
13. November 2010).
54 Michael Janjanin: Rost, Stahl oder die gedeckte Farbe der Langeweile. In: Südwest- Presse, 6. Okto-ber 2010, online verfügbar unter: http://www.swp.de/ulm/lokales/kreis_neu_ulm/art4333,660884( Zugriff am 13. November 2010).
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