Schuttebenen, die der Grund für das merkliche Wachstum der Stadt nach oben waren.Wie die Poren im Stein, doch hier vertikal, sind diese Schichten der Stadt von Löchernund Gräben durchzogen, die Einblick in tiefere Ebenen gestatten, in frühere Zeiten, indenen das Aussehen der Stadt ein ganz anderes war".46
An dieser Stelle ergibt sch eine Parallele zur neapolitanischen Stadtmythologie: Dennhier wie dort wird eine Materialeigenschaft- nämlich die Porosität- zum Leitmotiv ei-ner historischen Stadterzählung. Während aber der porös- weiche Tuffstein zum Sinn-bild einer neapolitanisch- meridionalen Durchlässigkeit und Morbidität wurde, verbin-det sich mit dem porös- harten Travertin die Vorstellung der ewigen Stadt" mit ihrerkonservierenden, das Alte ins Neue einschließenden Grundhaltung. Der neapolitani-schen Verfallsästhetik steht die strahlend weiße bis honiggoldene„ Travertinstadt" 47mit ihrer monumentalen und imperialen Materialgeste gegenüber: Wenn Thomas Raffvon der„ Granit- Ideologie der Nationalsozialisten 48 spricht, dann könnte man analogdazu von einer" Travertin- Ideologie" der italienischen Faschisten sprechen, die sichnicht zuletzt auf den historischen Mythos der Stadt Rom als Machtzentrum stütztenund auch eine erneuerte kolonialistische Semantik in den Travertin einschrieben.49Auch die Architekturtradition der„ pierre blanche"- des Travertin als einer histori-schen Würdeformel- hat also zum Vorstellungsbild einer Stadt beigetragen, in der dieDinge so Wilhelm Hausenstein-„ nicht so sehr zu werden als zu sein" scheinen.50
4. Essen, der Stahl und ein kurzes Resümee
Mein drittes Beispiel führt aus der italienischen Geschichtsmythologie mitten in dieindustrielle Moderne hinein: Wenige Städte in Mitteleuropa werden so sehr mit demWerkstoff Stahl assoziiert wie die Kruppstadt Essen im Ruhrgebiet. Als Sitz der ers-ten deutschen Gussstahlfabrik und des einst größten europäischen Stahlkonzerns istEssen zu einer paradigmatischen„ Stadt aus Stahl" geworden. 51 Materialikonologischinteressant ist z. B. die Tatsache, dass das Gästebuch der Stadt Essen nicht wie inanderen Städten„ Goldenes Buch", sondern seit 1934„ Stahlbuch" heißt. Tatsächlichbesteht es aus Stahlplatten, in welche die einzelnen Einträge eingraviert werden. InZeiten von Deindustrialisierung und Strukturwandel ist freilich der Stahl als Signifi-kant des Fortschritts für die Stadt fragwürdig geworden: Die Stahlproduktion hat sichglobal verlagert, die lokale Industriegeschichte ist musealisiert. Was also würde sichmehr anbieten, als den korrodierenden Stahl zur materialbedeutsamen Oberfläche
46 Gayer( wie Anm. 37), 195.
47 Gayer( wie Anm. 37), 196.
48 Raff( wie Anm. 3), 189. Vgl. dazu auch Manfred Seifert: Granit in der Architektur des Dritten Reiches.In: Martin Ortmeier u. Winfried Helm( Hg.): Granit. Landshut 1997, 147-168.
49 Zum Zusammenhang von Architektur und kolonialer Herrschaft in Italien vgl. Mia Fuller: Modernsabroad. Architecture, Cities, and Italian Imperialism. London 2006.
50 Hausenstein( wie Anm. 45), 167.
51 So Jules Verne 1879, zit. nach Habbo Knoch: Das Stahlwerk. In: Alexa Geisthövel u. Habbo Knoch( Hg.): Orte der Moderne. Erfahrungswelten des 19. und 20. Jahrhunderts, 163-173, hier: 173.
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