Sie werden verstehen, liebe Leserin, lieber Leser, dass das Erschrecken, das HerrnBenoit beim Aufziehen der Schublade befiel, dem meinen im Anblick des MarburgerGeschirrschrankes nahe kommt.
Man darf behaupten, das liege in der Natur der Sache, denn Möbel seien ja beweglicheGüter, die gesellschaftsdynamischen Anpassungsprozessen unterliegen. 32 Ohne dieseObjekte ,, würden unserem inneren Leben die äusseren Modelle der Innerlichkeit feh-len. Gleich uns, durch uns, für uns haben sie eine Innerlichkeit." 33 Zugleich sind sieals Werkzeuge und Gegenstände„ Ausdruck grundsätzlicher Einstellungen zur Welt.Diese Einstellungen bestimmen die Richtung, in der gedacht und gehandelt wird." 34Nach dem Erschrecken also die Einsicht: Der Schrank ist gesellschaftlich und damitwandelbar. Selbst in seiner Stofflichkeit ist er ein Fragment; sein Sinn ergibt sich al-lein aus einer Zeit- Raum- Konstellation.
Die Erkenntnis: Die Dynamik der Dinge
Was sind nun Dinge? Welche Dimensionen wohnen ihrer Stofflichkeit inne? Dinge sindnicht allein Funktion und Zeitgeschmack geschuldete Form, sondern Material mitsinnlich wahrnehmbaren, spürbaren Eigenschaften, die zugleich physikalische Eigen-schaften bezeichnen.
Es erscheint durchaus wichtig, danach zu fragen, welche Begriffe uns überhaupt zurVerfügung stehen, um zu bezeichnen, was zwischen Menschen und Sachen passiert.Haben wir es mit Subjektivationen oder Objektivationen der Kultur zu tun? Sollen wirdie Dinge als beseelt" bezeichnen 35, als von einer„ assoziativen Wolke" umgeben³6,sind sie„ Aktanten" oder„ nicht- menschliche Wesen" 37, Episteme" oder„ Sinnpotenti-ale" 38, Semiphoren 39, gar Hybride 40? Die Begriffe sind in diesem Fall nicht nur wissen-schaftliche Ansichtssache, sondern sie nutzen erst, wenn sie auf Sach- Geschichtenbezogen werden; die Dinge und die Theoreme ihrer Er- Fassung erschließen ihre Wirk-lichkeit erst durch Hinschauen und Zuhören.
Jedes Volkskundemuseum sollte im Grunde, wie dies in Graz der Fall ist, ein Erzähl-café beherbergen, in dem Worte, Geschichten, Gesten, Empfindungen, Erfahrungen
Raumes. Frankfurt 1992[ Paris 1957], 93.
32 Vgl. Giedion( wie Anm. 17), 304.
33 Bachelard( wie Anm. 30), 94.
34 Giedion( wie Anm. 17), 20.
35 Vgl. Kramer( wie Anm. 22), 99-100; Latour unterstellt da« Beseelung» der Dinge, wo er ihnen« anthropomorphe» Eigenschaften zuschreibt, vgl. insbesondere Bruno Latour: Ein Türschliesserstreikt. In: ders.( wie Anm. 13), 62-83; die Ausführungen erinnern- religionsethnologisch betrachtet- an animistische Wissenschaftsauffassungen.
36 Tamás Hofer: Gegenstände im dörflichen und städtischen Milieu. Zu einigen Grundfragen dermikroanalytischen Sachforschung. In: Günther Wiegelmann( Hg.): Gemeinde im Wandel. Volkskund-liche Gemeindestudien in Europa. Münster 1979, 113-135; hier: 125.
37 Latour( wie Anm. 26).
38 Vgl. Korff( wie Anm. 24), 41; sowie Gottfried Korff: Die Kunst des Weihrauchs- und sonst nichts? In:ders.: Museumsdinge: deponieren- exponieren. Wien 2007, 101.
39 Krysztof Pomian: Der Ursprung des Museums. Berlin 1988, 49f., zit. nach Korff( wie Anm. 38), 102.40 Latour( wie Anm. 15), 18-21.
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