das Zurechtgerückte: die Repräsentation, die Doxa des Denkkollektivs 29, die Historie.Halten wir uns einfach an die Stofflichkeit als Konstante aller Dingbedeutsamkeit 30 indem vorliegenden Fall des„ Frauenschrankes", dann können wir darin die Memorie le-sen. Für sich genommen ist sie hier weniger interessant; bedeutsamer ist aber derEffekt der Transformation: Unser heroischer Frauenschrank von damals, der für so vielErfochtenes und für Veränderung steht, muss als der banale Küchenschrank enden, alsder er hergestellt worden war...
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Wie verkraften wir das? Muss ich und mit mir meine Kolleginnen von damals dieSchranktransformation- nach Jahren des Aufbruchs in die Institution als Rückzugder wissenschaftlichen Frau in den häuslichen Bereich deuten? Sind das Ding und seineBotschaft dieser Bedeutung mächtig? Nein, nicht wirklich! Und zwar aus zwei Gründen:Zum einen ist da die beruhigende Botschaft der Grazer Truhe, die sich von der traditio-nellen Hochzeitstruhe zum originellen Schreibtisch gemausert hat- eine für die Truhezweifellos schmerzhafte Transformation. Aber sie hat mit ihrer Verwandlung in die-rollenemanzipatorisch- umgekehrte Richtung in der longue durée die besseren Kartenals der Resopalschrank, denn sie ist langlebiger, stabiler. Sie wurde geschaffen, um zudauern! Ihre stoffliche Substanz, die warme Haut des schönen alten Holzes, ist ebensowenig willkürlich wie es das sprachliche Zeichen ist.
Zum andern lehrt uns die Sachkulturforschung, dass es ein- und derselbe Schrankist. Der Wechsel der Repräsentation ändert an ihm zunächst nichts. Vergleichbare Ge-schichten gibt es zuhauf. Nur eine ganz wunderbare sei erzählt, bevor ein Fazit fälligwird. Gaston Bachelard, der große Phänomenologe der Schubladen und Schränke, er-wähnt sie in seiner„ Poetik des Raumes"; er hat sie der Erzählung des provenzalischenRomanciers Henri Bosco entnommen.
Im Besitz von Herrn Benoit befindet sich ein Aktenschrank aus Eiche:„ Jedes Mal wenner an diesem massiven Möbelstück vorbeiging, betrachtete er es mit Wohlgefallen. Dawenigstens blieb alles fest und treu. Man sah, was man sah, man fasst an, was mananfasste. Die Breite drang nicht in die Höhe ein, und die Leere nicht ins Volle. Nichts,das hier nicht vorausgesehen, kalkuliert war, aus Zweckmässigkeitsgründen[...]. Undwelches wunderbare Werkzeug! Es eignete sich zu allem. Es war ein Gedächtnis, eswar eine Intelligenz. Nicht das geringste Schwimmende oder Flüchtige in diesem wohl-gezimmerten Kubus. Was man einmal[...] hineintat, konnte man immer gleich wiederfinden[...]. Achtundvierzig Schubladen! Darin lässt sich eine ganze wohlgeordneteWelt positiven Wissens unterbringen.[...]„ Die Schublade", sagte er manchmal,„, ist dieGrundlage des menschlichen Geistes."., Eines Tages aber zieht Herr Benoit eine Schub-lade seines„ erhabenen Schrankes" auf und entdeckt,„ dass die Magd darin Mostrichund Salz, Reis, Kaffee, Erbsen und Linsen eingeordnet hat. Das denkende Möbelstückwar zu einem Speiseschrank geworden". 31
ger( Hg.): Kontinuität, Wandel. Wien 2002, 209-234; hier: 215.
29 Im Sinne der doxa als das tacit knowledge des wissenschaftlichen Feldes. Vgl. Pierre Bourdieu:Questions de sociologie. Paris 1984, 83; Ludwik Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissen-schaftlichen Tatsache. Frankfurt a. M. 1980[ 1935]; Michael Polanyi: The Tacit Dimension. Chicago2009[ 1961].
30 Vgl. Kramer( wie Anm. 22), 95.
31 Henri Bosco: Monsieur Carre Benoit à la campagne, zit. n. Bachelard, Gaston: Die Poetik des
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