Druckschrift 
Stofflichkeit in der Kultur : Referate der 26. Österreichischen Volkskundetagung vom 10.-13. November 2010 in Eisenstadt
Entstehung
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Die Dinge sprechen zu uns

Zunächst will die Geschichte meiner Begegnungen mit Möbelstücken der besonderenArt erzählt sein, denn sie ist der Impuls dieser Auseinandersetzung mit Stofflichkeit.Dingen wohnt das Vermögen inne, uns anzusprechen. 21 Obwohl stationär, können sieeinem unvermutet auf halbem Weg entgegen kommen 22. So geschah es mit dem erstenMöbelstück, von dem ich berichte, einem aus den 1980er Jahren stammenden weißen,circa zwei Meter hohen Resopalschrank mit zwei verschließbaren Türen( s. Abb. 2). Die-sen Schrank kannte ich als Studentin des Marburger Instituts für Europäische Ethno-logie vor zwanzig Jahren. Als ich ihm vor drei Jahren als Gastdozentin wieder begegnetbin, hat mich sein Anblick erschreckt.

Das zweite Möbelstück ist eine bemalte Truhe aus Österreich, die ich in meiner regi-onalkulturellen Unwissenheit als Hochzeitstruhe interpretiere, weil sie alt und reichbemalt ist( s. Abb. 3). Ich bin ihr bei Dienstantritt 2009 in Graz in meinem jetzigen Ar-beitszimmer begegnet- sie war schon da und hat gewissermaßen auf mich gewartet.Ihr Anblick- genauer: der ihrer Rückseite- hat mich in Erstaunen versetzt und zugleichentzückt. Diese Rückseite besteht nämlich aus einem vermutlich in der 1960er Jahrenprofan in die Truhe hinein gezimmerten Schreibtisch( s. Abb. 4). Damit wird sie für michals außen stehende Betrachterin zur Antithese des Marburger Schrankes.

Abb. 2: Der weisse Resopalschrank in Marburg( Foto: Claus- Marco Dieterich 2011)Abb. 3: Die schöne Truhe in Graz( Foto: Justin Winkler 2010)

Abb. 4: Die Truhe verkehrt: ein Schreibtisch( Foto: Justin Winkler 2010)

Ich habe versucht, der Nutzungsgeschichte beider Möbelstücke zu folgen. Meine er-schreckende Begegnung mit dem Resopalschrank kann ich hier in aller Kürze schildern.Bei der Truhe bin ich noch nicht recht vorangekommen, da ihre Historie vom eigentlichenThema ablenkt und in die Kulturgeschichte der Grazer Ordinarienuniversität entführt- dies zu verfolgen würde hier zu weit führen und ist Stoff für ein eigenes Buch. Wich-tiger erscheint es, hier zu fragen, was es mit solchen Dingbegegnungen auf sich hat.Ein Gegenstand kann einen anspringen: Kennen wir nicht die Responsivität", den Auf-

21 Vgl. Gernot Böhme: Atmosphäre. Frankfurt a. M. 1995, 157, zit. n. Udo Gösswald: Die Erbschaft derDinge. In: Elisabeth Tietmeyer u.a.( Hg.): Die Sprache der Dinge. Münster 2010, 33-41; hier: 33.

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Vgl. Karl- Sigismund Kramer: Zum Verhältnis zwischen Mensch und Ding. Probleme der volkskund-lichen Terminologie. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 2-3, 1962, 91-101, hier: 92.